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Operation von Siamesischen Zwillingen unterbrochen

Schicksalstage für Lea und Tabea: Die lebensgefährliche Operation zur Trennung der Siamesischen Zwillinge aus Lemgo in Westfalen ist am Wochenende vorerst abgebrochen worden.

dpa BALTIMORE. Schicksalstage für Lea und Tabea: Die lebensgefährliche Operation zur Trennung der Siamesischen Zwillinge aus Lemgo in Westfalen ist am Wochenende vorerst abgebrochen worden.

Erst in einigen Tagen wollten die Ärzte im amerikanischen Baltimore über eine Fortsetzung des Eingriffs entscheiden. Die einjährigen Zwillinge sind am Kopf zusammengewachsen. Die spektakuläre Operation war in der Nacht zum Sonntag wegen Komplikationen gestoppt worden. Knapp zwölf Stunden später veröffentlichte die Klinik eine Erklärung, nach der „die Operation binnen Wochenfrist fortgeführt werden könnte“, vorausgesetzt der Zustand der Zwillinge bleibe stabil. Der Zeitschrift „Stern“ lagen Informationen vor, nach denen die Chirurgen hoffen, Lea und Tabea innerhalb von 72 Stunden wieder auf dem Operationstisch zu haben.

Bei einem der Mädchen waren im Verlauf des Marathoneingriffs „unregelmäßige Lebenszeichen“ festgestellt worden. Das Team um den Neurochirurgen Benjamin Carson entschied, den Babys Zeit zur Stabilisierung zu geben. „Sie bleiben vorerst unter Narkose, um sich ausruhen und erholen zu können“, hieß es in der offiziellen Erklärung.

Lea und Tabea sind an der Schädeldecke zusammengewachsen und hatten von vornherein nur eine 50-prozentige Chance, die Trennung zu überleben. Als eine der kleinen Patientinnen ernste Probleme erkennen ließ, verordnete Carson beiden eine Nachtruhe auf der Intensivstation, wie der „Stern“ online berichtete. Das war am Samstag gegen 2200 Ortszeit (0400 Mesz). Die Zeitschrift hat einen Exklusivvertrag mit den Eltern Nelly und Peter.

Der Eingriff in der Johns Hopkins Universität in Baltimore sollte bis zu 48 Stunden dauern. Zur Begründung für den Stopp nach rund acht Stunden gab die Klinik „Komplikationen mit dem Stoffwechsel“ bei einem der beiden Zwillinge an. Zu jenem Zeitpunkt waren die Chirurgen bereits durch die äußere Hirnhaut gedrungen und hatten begonnen, die größeren Blutgefäße im Gehirn der Babys zu trennen. Mehr als 100 Ärzte, Anästhesisten, Assistenten und Schwestern warten darauf, im Schichtwechsel Hand anzulegen. Der Eingriff war an Modellen immer wieder geübt worden.

Derweil bangten tausende Menschen in Deutschland mit den Eltern Nelly und Peter um das Schicksal der Babys. Lea und Tabea hatten doppeltes Pech. Sie haben die schwierigste aller Verwachsungen, mit der nur zwei Prozent aller Siamesischen Zwillinge zur Welt kommen. Statistisch gesehen kommt ein Fall wie ihrer nur ein Mal bei zehn Mill. Geburten vor. Eine Abtreibung kam für Mutter Nelly aus religiösen Gründen nicht in Frage.

Lea und Tabea waren bereits einen Tag vor Operationsbeginn unter Narkose gesetzt worden. Sie wurden am Samstag kurz nach 0700 Ortszeit (1300 Mesz) in den OP gebracht, mussten dann aber weitere vier Stunden auf den Eingriff vorbereitet werden, hieß es offiziell.

Selbst wenn die Operation fortgesetzt wird und beide Kinder sie überstehen, können schwere Folgeschäden auftreten. Von den weltweit 30 Kindern, die Trennungen an der Schädeldecke überlebt haben, sind 17 behindert. Nur sieben können ein ganz normales Leben führen.

Die Sprecherin der Universität zeigte sich zunächst optimistisch. „Wir wollen den beiden Mädchen ein gesundes und unabhängiges Leben schenken“, sagte Kim Hoppe der dpa. Der federführende Neurochirurg Carson gilt als einer der erfahrensten Ärzte weltweit für die Trennung Siamesischer Zwillinge am Oberkopf. Er hat die Operation bereits vier Mal ausgeführt - mit unterschiedlichem Ausgang. Im vergangenen Sommer starben Zwillinge, 29-jährige Frauen aus Iran, auf seinem Operationstisch.

Lea und Tabea teilen sich einen Schädelknochen und wichtige Blutgefäße. Beide besitzen unabhängige und gut ausgebildete Gehirne. Die Mädchen sind aufgeweckt, verspielt und bis auf ihre Verwachsung kerngesund. Sie wurden seit dem 9. Juni mehrere Male operiert, um die Haut am Schädel mit Silikonexpandern zu dehnen. Damit wollten die Chirurgen erreichen, dass genügend Haut zur Verfügung steht, um am Ende beide Schädel bedecken zu können. An diesem Wochenende gehörte den kleinen Patienten aus Deutschland die Klinik der angesehenen Universität in Baltimore quasi ganz allein. Alle anderen Operationen waren abgesagt worden.

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