Panasonic und Sony wollen Standards setzen
Der Kampf um die Nachfolge der DVD ist entbrannt

Der Kampf um die Zukunftsmärkte in der Unterhaltungsindustrie wird mit harten Bandagen ausgetragen. Panasonic und Sony entwickeln unterschiedliche Techniken des Videoaufzeichnungsformats Blu-Ray-Disk und wollen Standards setzen.

OSAKA. Scheinbar eine Idylle: Unablässig quillt an diesem warmen Frühlingsmorgen ein Strom disziplinierter Arbeiter und Angestellte aus dem U-Bahnhof auf das riesige Firmenareal des japanischen Elektronikkonzerns Matsushita, um sich schweigsam auf die zahllosen Hallen und Bürogebäude zu verteilen. Wachleute mit weißen Handschuhen grüßen jeden Ankömmling freundlich.

In einem der ebenso zweckmäßigen wie schlichten Gebäude arbeitet auch Kazuhiro Tsuga. Der Director des Advanced Appliances Development Centers ist bei Matsushita – bei uns unter der Marke Panasonic bekannt – für die Zeit nach der DVD verantwortlich.

Der ruhige Manager mit dem freundlichen Lächeln entwickelt das Videoaufzeichnungsformat Blu-Ray-Disc weiter. Die Blu-Ray-Disc von Panasonic soll einmal die Aufnahme von mehr als sieben Stunden High-Definition-TV ermöglichen. Zum Vergleich: In der gleichen Qualität könnte eine DVD-Ram nur 40 Minuten Programm aufzeichnen.

Sony verkauft seine Blu-Ray-Technik seit April in Japan

Doch der friedliche Schein trügt. Der Kampf um die Zukunftsmärkte in der Unterhaltungsindustrie wird mit harten Bandagen ausgetragen. Tsugas Problem: Konkurrent Sony hat sein Blu-Ray-Produkt überraschend schon diesen April zum Preis von umgerechnet 3 500 Euro auf den japanischen Markt gebracht. Das durchkreuzt die Langfriststrategie des Elektronikriesen Matsushita. Der hatte gehofft, den anspringenden DVD-Boom noch bis 2006 ausnutzen zu können. Dann will Panasonic pro Monat 1 Mill. DVD-Rekorder verkaufen.

Bei der Blu-Ray-Disc wird mit blauem Laser mit 405 Nanometer (ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter) Wellenlänge und nicht wie bei der DVD mit rotem Laser (650 Nanometer) gearbeitet. Dadurch lässt sich die Aufnahmekapazität drastisch auf 23 Gigabyte erhöhen. Das ist genug Platz für mehrere Hollywood-Streifen. Bei der Entwicklung des Formats hatten die Branchengiganten Hitachi, LG Electronics, Matsushita, Pioneer, Philips, Samsung, Sharp, Sony und Thomson noch friedlich zusammen gearbeitet. Doch diese Zeiten sind jetzt vorbei.

Panasonic speichert auf einer Disk 50 Gigabyte

Panasonic hat in einem aufwendigen Verfahren die Kapazität der Disc auf 50 Gigabyte aufgebohrt. Dafür wurde der so genannten Blu-Ray-RE eine zweite Aufnahmeschicht hinzugefügt. Das Produktionsverfahren beherrscht nur Panasonic, wie Tsuga nicht ohne Stolz erklärt. Die größten Probleme waren die Trennschicht zwischen den beiden Aufnahmeschichten – sie muss auf Grund der geringen Abtastfläche des Lasers überall absolut die gleiche Stärke haben – sowie die korrekte Struktur der oberen, für das Laserlicht halb durchlässigen Aufnahmeschicht.

Die Technik muss beim Abtasten der unteren Aufnahmeschicht berücksichtigen, ob die obere Schicht leer oder beschrieben ist. Bei unsauberer Produktion sind Lesefehler durch falsche Reflektion des Lichts sonst programmiert. Die nötige Technik betrachtet Tsuga als „Black Box“ – die Details gehen niemanden etwas an. Ob die Technik an andere lizenziert werde, stehe noch nicht fest. Auf jeden Fall, sagt Tsuga, könne man „jederzeit starten“.

Nur: Das hat Sony schon getan. Mit dem „BDZ-S77“ ermöglicht der Wettbewerber aus Tokio den Konsumenten, High-Definition-TV aufzunehmen. In Japan und den USA ist hoch auflösendes TV bereits im Regelbetrieb zu sehen. Der Bedarf an solchen Geräten könnte rasch steigen. Nach Ansicht von Tsuga steht aber derzeit noch der Preis einer Massenverbreitung entgegen: Ein blauer Laser sei um den „Faktor 100“ teurer als ein roter, sagt er.

Sony wittert jedoch eine Chance, die eigene Single-Layer-Disk als Standard durchzusetzen, wenn Panasonic zu lange zögert, um den gegenwärtigen DVD-Boom nicht zu gefährden. Dann müssten keine teuren Lizenzen für Panasonics Doppel-Schicht-Discs erworben werden. Mit dem Verkauf der Medien wird auf lange Sicht – wie schon bei der CD – durch Lizenzabgaben mehr verdient werden als mit der Hardware selber.

Im professionellen Bereich startet Sony ebenfalls durch: Anfang Juli werden zwei Blu-Ray-Testsets an den WDR geliefert, sagt Sony-Produktmanager Gisbert Hochgürtel. Die Profiversion kann für höchste Bildqualität einen Datenstrom von bis zu 144 Megabit pro Sekunde bewältigen, die Konsumentenversion schafft gerade mal 36 Megabit pro Sekunde. Der Wettlauf um die DVD-Nachfolge hat begonnen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%