Patientensimulatoren verbessern die Ausbildung Intensivmedizin mit doppeltem Boden

Stans Herzschlag rast. Seine Pupillen sind auf den Durchmesser von Stecknadelköpfen geschrumpft. Mit jedem Atemzug schnellt sein breiter Brustkorb wie ein Blasebalg in die Höhe. Auf dem schwarzen Bildschirm neben dem Operationstisch zuckt das grüne Krickelkrackel der Puls-Linie. Diagnose: tödliches Herzflimmern.
  • Anna Trömel (Handelsblatt)

HB MAINZ. „Das war dann wohl ein bisschen viel des Guten“, schmunzelt Thomas Semmel-Griebeler. Es kümmert ihn offenbar wenig, dass er den Patienten gerade mit einer Überdosis Adrenalin ins Jenseits befördert hat. Nicht etwa, weil er als Diplom-Mathematiker keinen hippokratischen Eid geleistet hat, sondern weil Stan bloß eine Gummipuppe ist.

Stan ist der Kosename für „Standard Man“, dem Produktnamen unter dem der US-Hersteller Meti den lebensgroßen OP-Simulator für rund 300 000 Dollar verkauft. Meti steht für Medical Education Technologies Inc und der Name ist Programm. Das 1996 gegründete Unternehmen stellt Übungsobjekte für Mediziner her.

In den grün gefliesten Räumen des alten OP-Zentrums der Uni-Klinik Mainz hat der Anästhesie-Professor Wolfgang Heinrichs eines der modernsten Simulationszentren Deutschlands aufgebaut. Außer Stan bevölkern es eine Vielzahl medizinischer Übungsobjekte, von denen allerdings keines die Lebensfunktionen so akribisch simuliert wie Stan. Das fängt bei den Augen an: Wie ein echter Patient zwinkert die Puppe alle paar Sekunden, als ob sie ihre künstlichen Augapfel feucht halten müsste. Obendrein reagiert die Pupille lebensecht auf Licht und Medikamente. Sie ähnelt in ihrem kreisförmigen, fächerartigen Aufbau der Blende einer Kamera.

Echte Arzneien bekommt Stan allerdings nicht. Wenn die Kursteilnehmern ihm zum Beispiel Adrenalin verabreichen wollen, nähern sie die mit einem Barcode versehene Ampulle lediglich dem Innenarm. Dort sitzt ein Scanner, der die Information über Art und Dosierung des Wirkstoffes liest und in die komplexe Computersimulation einfließen lässt.

Der computergesteuerte Puls – der sich wie im echten Leben situationsbedingt verändert – lässt sich messen, an Handgelenk, Halsschlagader oder dem Brustbein. Wird Stan zwecks künstlicher Beatmung nicht sachgemäß intubiert, schwillt seine Zunge an oder er verliert seine Frontzähne.

Was Stan zudem von seinen preisgünstigeren Kollegen unterscheidet, ist sein Atem. Gespeist durch Druckflaschen mit CO2 und Stickstoff sowie das in jeder Klinik vorhandene Sauerstoffsystem, entspricht die chemische Zusammensetzung seiner Atemluft der eines echten Patienten.

Wer auf die Idee kommt, Stan wie bei einer echten OP aufzuschneiden, findet unter der Bauchdecke allerdings keine naturgetreu nachgebildeten Organe. Darunter sitzen vielmehr rechteckige Kabelinseln, aus denen unzählige Datenverbindungen in den im Nebenraum stehenden Steuerungscomputer führen. Und hier kommt der Mathematiker Semmel-Griebeler ins Spiel. Im Rahmen einer Doktorarbeit in angewandter Informatik begann er bereits vor Jahren sich mit der Simulation menschlicher Körperfunktionen zu beschäftigen. Finden im Simulationszentrum Mainz Schulungen statt, ist meist er es, der Stans Computer vom Nebenzimmer aus überwacht. Um die Schulung lebensecht zu gestalten, greift er auch mal zum Mikrofon und lässt Stan ein bisschen stöhnen, bevor die virtuelle Narkose den künstlichen Patienten eindämmern lässt.

Für die Schulungen am OP-Simulator hat der Anästhesist Heinrichs ein eigenes Hochschuls-Spin-off gegründet. Die Aqai GmbH bilde Jahr für Jahr zwischen 500 und 1 000 Ärzte und Pflegekräfte weiter, sagt er. Daneben wird das Angebot aber auch von seinen Studenten genutzt. Denn seit diesem Semester gilt eine neue Approbationsordnung für Ärzte. Sie soll die praktischen Aspekte des Studiums vertiefen. Gleichzeitig wird in diesem Herbst der Status des „Arzt im Praktikum“ (AiP) abgeschafft, so dass jeder Hochschulsabsolvent als Assistenzarzt eingestellt werden kann und damit eigenverantwortlich arbeiten muss.

Auf die neuen Anforderungen reagierte jetzt auch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI). Sie hat bei Meti gerade 30 OP-Simulatoren einfacherer Bauart geordert. Das aus Mitgliedsbeiträgen finanzierte Projekt zielt darauf ab, die deutschen Hochschulen flächendeckend mit künstlichen Patienten auszustatten.

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