Phänomen Ohrwurm
In der neuronalen Endlosschleife

Er kommt meist schnell und dann wird man ihn nicht mehr los: Der Ohrwurm gehört wohl zu den psychologischen Phänomenen, die jeder Mensch schon mal am eigenen Leib erfahren konnte. Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen versuchen nun herauszufinden, wo genau der Ohrwurm sein Unwesen treibt.

DÜSSELDORF. Kaum ein Mensch über 20 würde sich freiwillig das neue „Tokio Hotel“-Album kaufen. Aber wenn von tropischen Regenfällen die Rede ist, kann es auch Erwachsene erwischen: „Durch den Monsun“ will nicht mehr aus dem Kopf verschwinden. Solch ein Ohrwurm lauert überall: im Radiowecker oder im Handy-Klingelton des Sitznachbarn im Zug. „Die zunehmende Musikberieselung verstärkt die Wirkung von Ohrwürmern noch“, sagt der Wirtschaftspsychologe James Kellaris von der Universität Cincinnati, der sich seit Jahren mit dem Phänomen beschäftigt. Beinahe 98 Prozent der Menschen, so Kellaris, kennen das Gefühl, dass sich Musikstücke im Kopf – gewollt oder ungewollt – stets wiederholen.

Gefährlich ist der Ohrwurm nicht. „Aber die meisten Leute empfinden ihn als nervig“, weiß Kellaris – und hartnäckig. Meist verschwindet er nach einigen Stunden. „Dass er eine Woche oder länger bleibt, ist jedoch nicht ungewöhnlich“, sagt er. Wie intensiv und wie lange er sich im Gehirn breit macht, ist von der Tagesform abhängig: Stress oder Müdigkeit bieten dem unsichtbaren Klangparasiten eine breite Angriffsfläche. Nicht jeder Mensch eignet sich in gleicher Weise als Opfer. „Wer eine niedrige Reizschwelle hat, kann leichter einen Ohrwurm bekommen“, erklärt Eckart Altenmüller, Musikphysiologe und Musiker-Mediziner an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

Der komplexe Prozess der Musikverarbeitung läuft größtenteils in dem für Höreindrücke zuständigen Teil der Großhirnrinde ab, dem so genannten auditorischen Kortex. Damit ein Musikstück dorthin gelangen kann, werden die akustischen Signale erst im Innenohr in Impulse umgewandelt, die das Nervensystem verarbeiten kann. „Im auditorischen Kortex werden die akustischen Merkmale wie Tonhöhe, Intensität, Timbre oder Rauigkeit innerhalb weniger Millisekunden analysiert und voneinander getrennt“, sagt Stefan Kölsch vom Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig. Damit ein Ton oder eine Melodie als Ganzes erfasst werden kann, wird die Information im auditorisch sensorischen Gedächtnis zwischengespeichert. Das Gehirn gruppiert dann Melodien und Rhythmen nach Eigenschaften wie Ähnlichkeit oder Kontinuität. „Klavier und Cello zum Beispiel kann das Gehirn auseinander halten, da sich die Töne des einzelnen Instruments jeweils sehr ähnlich sind“, erklärt Kölsch. Eine musikalische Botschaft erhält das Musikstück, wenn es Assoziationen mit Geräuschen wie Vogelgezwitscher oder Stimmungen weckt. Körperliche Reaktionen wie Gänsehaut oder Tränen entstehen durch das Ansprechen des vegetativen Nervensystems.

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