PKW-Maut
Eine Frage der Überredung

"Die genaueste Definition des Menschen ist, dass er sich an alles gewöhnt", soll Leo Tolstoi gesagt haben. An die PKW-Maut hat er dabei sicher nicht gedacht. Doch ob Menschen sich gegen etwas wehren, scheint nicht davon abzuhängen, ob sie es für schlecht halten oder nicht - sondern nur davon, ob sie glauben, dass sich an dem Übel überhaupt etwas ändern lässt.

BONN. Das ist das überraschende Ergebnis einer Studie von Verkehrspsychologen der Technischen Universität Dresden. Für etliche Experten sei die Einführung einer Maut für PKWs schon jetzt unvermeidlich, erklärt Walter Hell, Leiter des Berliner "Instituts für Mobilitätsforschung" (Ifmo). "Die finanziellen Belastungen, die auf den Staat zukommen, werden ihn zwingen, neue Geldquellen zu erschließen." Die Zustimmung lasse sich über das Wie gewinnen, heißt es weiter. In Österreich zum Beispiel fließen alle Mauteinnahmen in die Straßeninfrastruktur. Das könne Otto Normalautofahrer eher akzeptieren, sagt Ifmo-Mitarbeiter Frank Hansen: "Weil man sieht, wo das Geld hingeht, und weil sich mittel- bis langfristig die Infrastruktur verbessert."

Hier setzt die Kritik des Psychologen Jens Schade von der TU-Fakultät für Verkehrswissenschaften ein. Zwar hätten sich tatsächlich "überall, wo Mautsysteme eingeführt worden seien, hinterher die Zustimmungswerte in der Bevölkerung erhöht", berichtet er. "Als Erklärungsmuster hört man immer wieder: Die Leute sehen, welche Vorteile die Maut bringt, also stimmen sie ihr zu." Aber: "So ein Zusammenhang ist bislang nirgends wirklich mit wissenschaftlichen Methoden untersucht worden."

Ob die Meinung der Autofahrer über Straßenbenutzungsgebühren tatsächlich davon abhängt, ob sie deren Vorteile erkennen oder nicht, versuchten Schade und sein Team zu klären, indem sie an den Tankstellen Dresdens insgesamt 140 Autofahrer befragten. Sie wollten nicht nur wissen, ob die Testpersonen eine Maut begrüßen oder ablehnen würden, sondern auch, ob sie es für wahrscheinlich oder nicht hielten, dass die PKW-Maut je kommen werde.

Trick der Untersuchung: Den Fragebögen war ein einführender Text vorangestellt - aber nicht für jeden Probanden der gleiche. 34 Befragten wurde vorgespiegelt, dass die Maut beschlossene Sache sei. Ebenso viele Teilnehmer erhielten einen Text in dem Sinn, dass die Einführung der PKW-Maut eher unwahrscheinlich sei, ein dritter Text für 32 Teilnehmer hielt die Waage zwischen den beiden Möglichkeiten. Die Forscher untermauerten jeden Text mit Argumenten aus dem Expertenstreit. Beispiele: Die Maut wird kommen - schließlich braucht der Staat Geld. Oder: Sie kommt definitiv nicht - die Technik wäre zu kompliziert. Oder: Vielleicht kommt sie, vielleicht auch nicht - der politische Wille ist zwar da, aber die Lobbygruppen sind zu stark. Nur in den 40 Fragebögen der "Kontrollgruppe" war überhaupt nicht von irgendeiner Einführungswahrscheinlichkeit die Rede. Die Ergebnisse sind eindeutig: Menschen, denen die Maut als quasi unausweichlich hingestellt wurde, zeigten sich überzeugter davon, dass sie kommen wird. So liegt auf einer Skala von plus 2 ("kommt definitiv") bis minus 2 ("kommt niemals") die Durchschnittsmeinung in der Gruppe "hohe Wahrscheinlichkeit" bei 1,18 - gegenüber nur 0,51 in der "Kontrollgruppe". Auch beim zweiten Teil der Befragung über die grundsätzliche Zustimmung zu einer PKW-Maut war das Ergebnis eindeutig: Zustimmung signalisierte keiner deutlich, aber die Ablehnung sinkt von Gruppe zu Gruppe. Die schlechteste Meinung über die Maut (minus 1,04 auf der Skala von plus 2 bis minus 2) hatte auch hier die Kontrollgruppe, die nicht vorher mit Expertenargumenten traktiert worden war.

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