Politische Ikonographie
Die Strategie des Herrschers

Große Herrscher ließen sich schon immer gerne abbilden, doch nicht nur aus purer Eitelkeit. Hinter den bildlichen Umsetzungen stecken oft politische Botschaften. Der Kunsthistoriker Martin Warnke untersucht die Macht der Bilder

DÜSSELDORF Hoch zu Ross, in Uniform, das Schwert in der rechten Hand, im Hintergrund die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, ein Kampfjet und eine Rakete - so prangte Saddam Hussein 2002 an der Wand des Saddam Arts Center in Bagdad. "Ein klassisches Beispiel für die bildliche Umsetzung politischer Botschaften und ein Beispiel für politische Instrumentalisierung von Bildern", kommentiert der Kunsthistoriker Martin Warnke. " Es ist eine uralte Tradition, den Herrscher so darzustellen. Dahinter steckt die Furcht, dass eine Amtsperson nicht erkannt und gewürdigt wird, wenn sie durch die Straße geht. Sie braucht also ein visuelles Umfeld, eine bildliche Strategie."

Das Agenturfoto aus dem Irak ist Teil der eine halbe Million Bilder, Fotos und Karikaturen umfassenden Sammlung des Hamburger Warburg-Hauses. Dort ist die Forschungsstelle Politische Ikonographie angesiedelt - ein Mekka für Kunsthistoriker aus der ganzen Welt. "Politik hat sich immer symbolischer und ästhetischer Mittel bedient, um Positionen und Machtverhältnisse, Ansprüche und Erfolge anschaulich zu vermitteln", sagt der Leibniz-Preisträger Warnke, Ideator und Doyen der ikonographischen Forschung in Deutschland. "Uns interessiert nicht wie die Historiker die Ereignisgeschichte, sondern die visuelle Inszenierung." Herrscher, Diktatoren, Parteien und Nationen seien auf Bildsprache angewiesen, auf Zeichen, die alle verstehen und einordnen.

Zur Verdeutlichung der ikonographischen Forschungsarbeit sucht Warnke ein anderes Sammlungsstück unter dem Schlagwort "Herrscherbild" heraus, das auf verblüffende Weise die These von der Wirkungsabsicht des Herrscherporträts verdeutlicht: Tizians Reiterporträt von Karl V . Das lebensgroße Bild entstand 1548, als der Kaiser nach der Schlacht von Mühlberg auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Während der Versammlung der Reichsstände in Augsburg, die seine Macht politisch zementierte, saß Karl seinem Hofmaler Tizian Modell. "Das Bild bringt perfekt das politische Selbstverständnis des Herrschers zum Ausdruck", so Warnke.

Noch etwas verdeutlicht die offenkundige Parallelität zwischen Saddam-Porträt und Tizian-Bild: die Kontinuität der Visualisierung von Herrschaftsanspruch über die Jahrhunderte hinweg. "Es gibt prägnante Bild-Schemata, die einfach abgerufen werden, wenn sie gebraucht werden. Ganz gleich, welches Medium, ob Fernsehen oder Foto, die Inszenierung wiederholt sich", erläutert Warnke und verweist auf die vermeintlich echten Fotos von Fidel Castro im Krankenhaus, die in den Hamburger Bildindex aufgenommen werden, Schlagwort "kranker Herrscher". Gesammelt werden auch offenkundige Fälschungen wie retuschierte Fotos aus dem Libanon-Konflikt, denn die Untersuchung von Manipulationen und die Zerstörung von Kunstwerken aus politischen Gründen sind weitere Forschungsschwerpunkte in Hamburg.

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