Polizeikultur
Ermittlung in eigener Sache

Durch das Aufeinandertreffen verschiedener Mentalitäten entstehen für Polizisten oftmals heikle Situationen. Ein in dem Zusammenhang immer wieder aufkommender Verdacht: "Die Polizei hat ein Ausländerproblem." Nun haben Kölner Soziologen ein Modell zur interkulturellen Qualifizierung von Polizisten entwickelt.

BERLIN. "Die Welt zu Gast bei Freunden" ist ein schöner Slogan für den vorübergehenden multikulturellen Ausnahmezustand. Wenn die Gäste abgereist sind, herrscht wieder multikultureller Alltag in Deutschland: rund 8 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund heute, 15,2 Millionen im Jahre 2030, knapp 20 Prozent. Kulturelle Vielfalt meistern zu können gehört inzwischen zu den Schlüsselkompetenzen jeder modernen Gesellschaft und ihrer Organisationen.

Das gilt auch und insbesondere für die Polizei. Verfolgt man indessen die Berichterstattung seit Ende der 90er-Jahre, seit politisch äußerst brisante Fehlleistungen in der Polizei die Republik zu Recht erschütterten, lautet ein immer wieder aufkeimender Generalverdacht: "Die Polizei hat ein Ausländerproblem."

Gut gemeinte Appelle an die Verständnisbereitschaft der Beamten scheiterten aber ebenso regelmäßig wie moralische Nachhilfepakete für die vermeintlichen Rassisten. Im Sande verliefen auch die gelehrten Debatten über "das Fremde" und "was es mit uns macht". Könnte man vielleicht mit individualpsychologischen Ansätzen im Kampf gegen Stereotype und Vorurteile etwas ausrichten?

Eher nicht, findet Wolf Reiner Leenen, Soziologe an der Fachhochschule Köln. "Die Skandalisierungsperspektive ist natürlich berechtigt, wenn die Ordnungsinstanz einer Demokratie mit zweierlei Maß misst", ist Leenen überzeugt. "Aber die permanente Vorwurfslage schafft bei den Polizisten eine Solidarisierung beim falschen Thema und damit Widerstand gegen notwendige Änderungen." In ihrer Diffusität bieten sie außerdem keinerlei Handlungsempfehlungen für die oft schwierigen Situationen des Polizeialltags.

Leenen und seine Kollegen haben in Zusammenarbeit mit der Polizei und mit Förderung der VolkswagenStiftung ein neuartiges Programm zur interkulturellen Qualifizierung entwickelt, das dieses Spiegelkabinett aus Vorwurf und Widerstand verlässt und als Praxisforschungsprojekt zugleich die Grenzen zwischen Theorie und Anwendung überschreitet. Die Kölner Forscher arbeiten ohne moralischen Zeigefinger und ohne wissenschaftlich belehrenden Gestus. Stattdessen knüpfen sie an vorhandene soziale Kompetenzen der Polizisten sowie an deren Bedürfnisse an. Die Beamten wollen Probleme ihres beruflichen Alltags gut lösen können - auch ohne auf den polizeilichen Machtapparat zurückgreifen zu müssen. Interkulturelle Kompetenz heißt also vor allem interkulturelle Handlungskompetenz.

Seite 1:

Ermittlung in eigener Sache

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%