Forschung + Innovation
Psychologe: Peinliche Erinnerungen rüsten für Zukunft

Wem beim Erinnern an ein verpatztes Einmaleins in der Schule noch immer der Schweiß auf die Stirn tritt, der ist damit gut auf Künftiges vorbereitet.

dpa BERLIN. Wem beim Erinnern an ein verpatztes Einmaleins in der Schule noch immer der Schweiß auf die Stirn tritt, der ist damit gut auf Künftiges vorbereitet.

„Rein technisch gesprochen ist das Gedächtnis nicht für das Aufbewahren der Vergangenheit da, sondern um uns für die Zukunft auszurüsten“, sagte der Gedächtnisforscher Prof. Douwe Draaisma, Psychologiehistoriker an der Universität im niederländischen Groningen, in einem dpa-Gespräch in Berlin.

„Unser Gedächtnis ist sehr gut im Speichern von Sachen, die wir in der Zukunft zu vermeiden hoffen. Das Traurige ist, dass sich Glücksgefühle nicht ebenso einbrennen - eben weil sie für die Zukunft nicht so relevant sind“. Draaisma forscht über das Erinnern und hat in seinem neuen Buch „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird“ (Eichborn Berlin) auch diesen Zusammenhang untersucht.

„Experimente haben gezeigt, dass ältere Leute sich wesentlich besser an Dinge aus der Kindheit und Jugend erinnern, als aus der Zeit als sie 40 oder 50 waren. Man glaubt zwar in diesen Jahren der Ernte wichtige Dinge zu machen. Aber wenn man 70 ist, verschwindet gerade diese Phase in einem Tal der Erinnerung“, sagt Draaisma. Seine Erklärung: „Es passiert einfach nicht mehr so viel Neues und Erstmaliges wie mit 25. Das Ähnliche überlagert sich und es wird immer schwieriger aus dieser globalen Erinnerung das Einzigartige herauszupicken. Dadurch schrumpft auch die Zeit.“ Einzige Abhilfe gegen das Versinken im schnell und eintönig fließenden Zeitstrom: Neue Eindrücke in der Innen- oder Außenwelt sammeln.

Dabei gebe es das aus dem Urlaub bekannte Paradox der subjektiv im Urlaubsmoment rasch verfliegenden Zeit, die sich in der Rückschau dann jedoch zu einem langen, prallgefüllten Zeitbogen dehne. Die Rückkehr zu den Kindheitserinnerungen mit fortgeschrittenem Alter sei zudem oft mit Gerüchen verbunden. „Wohl deshalb, weil man sie sich als Kind zu vorsprachlicher Zeit einprägte.“ So gelinge es kaum, sich durch den reinen Willen an seinen Kindergarten zu erinnern, aber ein bestimmter Geruch könne das gesamte Spektrum der Gefühle und Bilder wieder zurückrufen.

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