Psychologie
Das vorausschauende Alter

Der Sinn für die verbleibende Zeit bis zum Tod prägt die Psyche - unabhängig vom Alter. Zu diesem Ergebnis kommt Laura L. Carsensen. Die US-amerikanische Psychologie-Professorin untersucht das Altern als sozialen, emotionalen und kognitiven Prozess. Angesichts der fortschreitend steigenden Lebenserwartung ergeben sich aus ihrer Theorie gleich mehrere Folgerungen.

DÜSSELDORF. Bettler sind offenbar gute Psychologen. Sie schnorren bekanntlich mit Vorliebe ältere Menschen an, bei denen sie offensichtlich die größten Erfolge haben. "Wir wissen auch, dass ältere Menschen häufiger auf eine Serie von betrügerischen E-Mails von angeblich Not leidenden Menschen aus Nigeria hereinfielen", sagt Laura L. Carstensen, Psychologie-Professorin an der Stanford-Universität in Kalifornien und Begründerin der "Sozioemotionalen Selektivitäts-Theorie".

Carstensen weiß, wie dieses vom Gefühl des Mitleids bestimmte Verhalten älterer Menschen zu erklären ist: "Wenn Menschen altern und die Zeit als begrenzt empfinden, legen sie weniger Wert auf Ziele, die ihre Aussichten erweitern, sondern immer mehr auf Ziele, denen sie emotionale Bedeutung beimessen." Neue Freundschaften werden uninteressant, alte Bindungen immer wichtiger, das Interesse an neuen Erfahrungen - seien es private Abenteuer wie Fallschirmspringen oder Herausforderungen wie die Gründung einer Firma - nimmt ab, das an kurzfristig erreichbaren Gefühlszuständen - der Sonnenuntergang am Meer - nimmt zu.

Werden die modernen Gesellschaften, da sie immer älter werden, also künftig von harmoniesüchtiger Gefühlsduselei bestimmt? Werden wir Europäer zu antriebslosen Seelchen? Nicht unbedingt. Denn für Carstensen und ihre Anhänger ist "Alter" keine absolute Größe, die mit der Geburt zunimmt. Eher eine Spanne, die täglich abnimmt. Das Lebensreservoir allerdings, von dem wir alle zehren, wird tendenziell immer länger, da die biologische Lebenserwartung steigt. Ein 50-Jähriger ist heute psychisch nicht so alt wie ein 50-Jähriger des 19. Jahrhunderts, der nur noch wenig Lebenszeit vor sich sah

Carstensen untersucht in ihrem "Life Span Development Laboratory" das Altern als sozialen, emotionalen und kognitiven Prozess. Die von ihr entwickelte Theorie der Sozioemotionalen Selektivität begründet die Verschiebungen der Ziele und Interessen im Laufe eines Lebens mit dem "Sinn für die Zeit". Wohlgemerkt nicht die Zeit, die hinter dem Menschen, sondern die - voraussichtlich - noch vor ihm liegt. "Schon bei meinen früheren Erhebungen in den 70er-Jahren über die soziale Isolation älterer Menschen stellte ich fest, dass diese oft überhaupt kein Interesse an neuen Bekanntschaften hatten. ?Ich habe keine Zeit?, sagten sie und meinten nicht die pro Tag, sondern die im Leben." Ziele, Vorlieben und sogar Erkenntnisprozesse wie Aufmerksamkeit und Erinnerung verändern sich nach dieser Theorie systematisch mit dem abnehmenden Zeithorizont.

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