Quantensprung
Forscher im Hamsterrad der Bürokratie

Bürokraten hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt. Mit blödsinnigen Vorschriften rauben sie den Professoren ihre Zeit. Das sollten sich die Forscher nicht mehr gefallen lassen, schreibt Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie. Ein akademischer Notruf.
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In der Evolutionsbiologie gibt es die sogenannte „Red-Queen-Hypothese“, die aus Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice hinter den Spiegeln“ entliehen ist. In dem Buch erklärt die rote Königin der kleinen Alice: „Du musst so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Evolutionsbiologen verdeutlichen mit diesem Bild etwa den evolutionären Wettlauf zwischen den Anpassungen eines Wirts und denen seines Parasiten.

Einen ähnlichen Wettlauf liefern sich auch die Forscher an den Universitäten. Ich kenne keinen ernst zu nehmenden Wissenschaftler, der eine 40-Stunden-Woche schiebt oder sechs Wochen Urlaub im Jahr macht. Jedes Jahr lasse ich zum Beispiel etwa 90 Prozent meines Jahresurlaubs verfallen. Allein die PubMed-Datenbank zählte 700 000 neue wissenschaftliche Artikel im Jahr 2007. Zehn Jahre zuvor waren es noch „nur“ 300 000 Publikationen.

Der Wettbewerb ist ungeheuer groß, und zwar trotz zunehmend widriger bürokratischer Umstände. An meiner „Eliteuniversität“ etwa schlägt die Bürokratie gerade Blüten ungeahnten Ausmaßes. Dass es endlich mehr Geld gibt, ist ja eigentlich erfreulich – aber es kommt noch zusätzlich zu den Bachelor- und Master-Umstellungen und all den anderen Reformen und Initiativen, die sich Bürokraten wohl immer wieder ausdenken müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Mehr Geld brachte auch mehr Bürokratie – und damit weniger Zeit fürs Exzellent-Sein.

Wenn Verwalter den Job nicht mehr schaffen, dann nehmen sie Überstunden, gehen in Kur, schaffen irgendwann neue Stellen in der Bürokratie – oder wälzen bequemerweise ihre Aufgaben auf die Forscher ab, deren Arbeit sie eigentlich erleichtern sollten. So müssen wir Berge von völlig unnützen Formularen ausfüllen für „Tierversuche“, bei denen nur Fische gezüchtet werden. Jeder Aquarianer macht so etwas zu Hause. Wir müssen auch die Notduschen im Labor und die elektrische Sicherheit jeder Apparatur, ja, jeder Schreibtischlampe periodisch überprüfen. Kein Scherz! Man sollte sich einmal vorstellen, dass die Bürokraten in den Ministerien dazu angehalten würden, selber ihre Computer und Kaffeeautomaten auf elektrische Sicherheit zu überprüfen.

So also geht die Zeit der Professoren hin. Nicht fürs Lehren und Forschen, wofür wir schlecht genug bezahlt werden. Sondern für Bürokratie und Evaluation. Was kommt als Nächstes? Grippeschutzimpfungen? Zahnärztliche Prophylaxe? Kein Problem. Wissenschaftler der Welt, steht auf und lasst euch diesen Blödsinn nicht mehr gefallen! Wir haben wahrlich Wichtigeres zu tun.

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