Quantensprung
Fragwürdige Wege der Publikation

Auch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften steht manchmal ziemlicher Unsinn – trotz Peer Review, Double Blind und ähnlichen Sicherheitsvorkehrungen. Da läuft einiges schief, findet Axel Meyer von der Uni Konstanz. Ein akademischer Einspruch.
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Wissenschaftlicher Unsinn findet immer mal wieder seinen Weg auch in die angesehensten Journale. Ein sehr merkwürdiger Artikel erschien kürzlich auf der Webseite der „Proceedings“, der Zeitschrift der amerikanischen nationalen Akademie der Wissenschaften.

Der Paläontologe Donald Williamson erklärt darin seine unsinnige Theorie der „Hybridogenesis“: Er glaubt, dass der genetische Ursprung der Metamorphose vieler Insekten in einem massiven „horizontalen“ Gentransfer von Stummelfüßler-Würmern zu suchen sei. Dies ist schlichter Unfug in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt weil sich in den Genomen von Motten und Bienen keine Spur von Würmergenen finden lässt.

Dieser fragwürdige Artikel erzeugte einen Aufschrei der Empörung. Die Zeitschrift „Science“ berichtete über diesen Fall und prangerte eine Besonderheit bei den „Proceedings“ an, die jetzt wegen dieses Artikels, der formell noch nicht veröffentlicht ist, abgeschafft werden soll.

Wie bei den meisten wissenschaftlichen Zeitschriften werden eingereichte Manuskripte vor der Veröffentlichung in den „Proceedings“ anonym von Mitgliedern der Akademie und anderen Wissenschaftlern begutachtet. „Track II“ heißt diese Prozedur. Etwa 80 Prozent werden abgelehnt, was auch Qualität und Status der „Proceedings“ ausmacht. Allerdings haben Akademiemitglieder das Privileg, eigene Artikel („contributed“) oder die eines Kollegen („communicated“) direkt einzureichen.

Solche „Track I“-Manuskripte werden zwar auch den Herausgebern gezeigt, aber die erste Evaluation wird von Kollegen vorgenommen, die vom Akademiemitglied selbst ausgesucht werden. Zwei positive Gutachten genügen, um ein Manuskript per Track I zu platzieren. Etwa 1 350 der 4 000 Artikel, die 2008 in den Proceedings erschienen, wurden so publiziert. Seilschaften sollen es nun schwieriger haben, denn ab Juli 2010 wird es keine „communicated“ mehr geben, nur das Privileg der Akademiemitglieder für eigene Artikel wird beibehalten.

Der fragliche Artikel wurde von Lynn Margulis „communicated“, die angeblich sechs bis sieben Gutachten einholte, dann aber nur zwei positive mit dem Manuskript einreichte und die negativen verschwieg. Margulis hat sich einen Namen durch viele falsche Ideen gemacht. Ein oder zwei sehr wichtige, die sich als richtig herausstellten, verhalfen ihr zur Mitgliedschaft in der Akademie. Der mit zwei (!) Nobelpreisen ausgezeichnete Linus Pauling sagte, dass man viele Ideen haben muss, um am Ende wenige richtige zu haben. Unorthodoxe Ideen sind selbstverständlich nicht immer per se falsch.

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