Quantensprung
Goethe und die vulgären Biologen

Matthias Matussek vom Spiegel bezeichnet Evolutionsbiologen als vulgär. Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie, fühlt sich irgendwie in ein falsches Licht gerückt. Seine spontane Reaktion: Ich glaube, ich spinne! Ein akademischer Gegenangriff.
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Der Feuilletonist Matthias Matussek schrieb kürzlich im „Spiegel“ sehr abschätzig über Goethes Interesse an Naturforschung. Der Artikel war eine Rezension von Rüdiger Safranskis Buch „Goethe und Schiller“, durch die ich viel über die beiden Dichter lernte. Aber diese eine Passage hat mich sehr gewundert.

Für Goethe sei die Menschengeschichte verwandt mit der der Pflanzen und der Tiere, mokiert sich Matussek. Ja wie denn sonst? Schon einmal von Evolution gehört? Von „Kultur“ allein kann der Mensch nun mal nicht leben. Was hätten unsere Vorfahren denn essen sollen, wenn nicht Pflanzen und Tiere?

Herr Matussek fährt fort, dass Goethe in dem von ihm (wieder)entdeckten Zwischenkieferknochen des menschlichen Embryos das Bindeglied zwischen Affe und Mensch nachweist und dabei jubelt. Ganz so war es wohl nicht. Schiller und Goethe hätten, so sagt Matussek, bei der Frage nach Ursprung und Wesen des Menschen gänzlich verschiedene Vorstellungen. Goethes Naturforschung gegen Schillers Idealismus und Seelenschwärmerei. Und damit hätten sie den „Frontverlauf“ vorweggenommen in der fortwährenden Debatte, die die nächsten 200 Jahre der Geistesgeschichte mitbestimmte. C.P. Snows „Zwei Kulturen“, Natur- und Geisteswissenschaftler, verstehen sich immer noch nicht.

„Ist der Mensch nur ein biologisches Programm oder eine autonome Setzung?“ fragt Matussek, und ich weiß nicht genau, was er damit meint. Es geht weiter: „Ist er frei oder ferngelenkt?“ Und jetzt kommt es ganz dicke: „Man würde Goethe heute eher ins Lager der Evolutionsbiologen rechnen, wenn sie nicht so vulgär wären.“ Vulgär? Ich glaube, ich spinne! Der arme Goethe ein kulturloser Kollege von mir!

Herr Matussek rückt Schiller dann ins – aus seiner Sicht vermutlich – bessere Licht, indem er fortfährt: „... und Schiller ein bisschen näher an die, die an einen göttlichen Funken glauben, sei es die Begabung zur Liebe oder die zur Kunst“. Oh je! Herr Matussek kann gerne weiter an die spezielle Kreation des Menschen glauben, aber muss er dies auf den Seiten des aufgeklärten „Spiegel“ tun? Kultur heißt für ihn wohl weiterhin, dass man den „Faust“ oder besser noch „Wilhelm Tell“ gelesen haben muss, aber abstreiten darf, dass auch Homo sapiens durch ganz natürliche Evolution zu dem wurde, was er ist. In meiner vulgären kulturlosen Welt ist diese Erkenntnis des Pudels Kern.

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