Quantensprung
Invasion der fremden Arten

Fremde Fische rotten heimische Arten aus. Ein ökologisches Desaster. Tierschützer sind alarmiert. Jetzt werden auch Politiker und Manager auf das Problem aufmerksam. Was passieren muss, damit das Sterben aufhört.
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Als Kind ging ich oft mit meinem Onkel angeln. Wir fingen Rotaugen, Flussbarsche und Hechte, manchmal auch Aale. Aber seit meiner Kindheit hat sich vieles verändert. Einige Fischarten sind sehr selten geworden, neue Arten sind hinzugekommen.

Einige Ökologen schätzen, dass mittlerweile allein in der Bucht von San Francisco mehr als 250 fremde Arten eingeschleppt wurden. In den USA werden die Kosten für die Kontrolle eingeschleppter Arten auf neun Milliarden Dollar angesetzt – jährlich. Weltweit, so schätzt der World Wildlife Fund, sind die Kosten in den letzten fünf Jahren auf 36 Milliarden Dollar angestiegen.

Aber erst wenn die Fischer oder die Kraftwerksbetreiber alarmiert sind, wird auch die Öffentlichkeit aufmerksam. So wie bei Zebra- und Quaggamuscheln: Sie verbreiteten sich, aus dem Iran kommend, bei uns im Süßwasser und verstopfen zum Beispiel die Kühlsysteme von Kraftwerken oder die Ansaugrohre für das Trinkwasser aus dem Bodensee.

Die Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten wird von Umweltveränderungen beeinflusst. So führt zum Beispiel die Klimaerwärmung dazu, dass Neuankömmlinge meist aus dem wärmeren Süden einwandern. Schlimmer als die Folgen dieser umweltbedingten Wanderungen sind aber meist die Folgen der vom Menschen absichtlich oder unabsichtlich verbreiteten Arten.

Solche ökologischen Desaster passieren längst nicht nur durch das versehentliche Einschleppen von blinden Passagieren, beispielsweise von Larven im Ballastwasser oder angeklebt an den Rumpf von Schiffen. Sie passieren immer öfter auch absichtlich, weil sich die „Krone der Schöpfung“ einbildet, die ökologischen Bedingungen einzelner Biotope durch bestimmte Arten zu „verbessern“. Diese Versuche enden oft desaströs.

Aus meiner eigenen Forschung kann ich zum Beispiel Horrorgeschichten erzählen, von mittelamerikanischen Mosquitofischen, die zur Mückenkontrolle auf Madagaskar ausgesetzt wurden. In fast allen Binnengewässern dieser riesigen Insel ist dadurch die einmalige einheimische Fischfauna ausgestorben.

Auch wurde 1954 der Nilbarsch absichtlich von britischen Fischereibiologen im Viktoriasee ausgesetzt. Das führte zur unwiederbringlichen Ausrottung von etwa 200 Arten von Buntbarschen, die nur in diesem zweitgrößten See der Welt vorkamen.

Um dies in Relation zur europäischen Biodiversität zu setzen: In ganz Europa gibt es nur etwa 200 Fischarten. Wir schulden es den nächsten Generationen, das weltweite Aussterben von Arten aufzuhalten. Auch in der Zukunft wollen kleine Jungen noch angeln gehen können.

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