Quantensprung
Statistik als Kulturschock

Sie ist ein fundamentales Werkzeug, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Doch die Statistik wird häufig falsch interpretiert. So kommt es zu gefährlichen Missverständnissen, schreibt Axel Meyer, Professor an der Uni Konstanz. Ein Plädoyer gegen die systematische Unkenntnis.
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Statistik hat einen sehr schlechten Ruf. Das Vorurteil, damit könne man alles – und damit wohl nichts wirklich – beweisen, besteht nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch in einigen Kreisen der Wissenschaft, die es eigentlich besser wissen sollten. Woran liegt das?

Forschen heißt nicht nur Daten zu erheben, sondern auch ihre Robustheit abzuschätzen und sie zu interpretieren. Messungen sind immer fehlerhaft, das liegt in der Natur der Sache. Fast nichts in der Welt und der Wissenschaft ist schwarz oder weiß. Doch diese Erkenntnis ist nicht weit verbreitet in vielen Wissenschaftsdisziplinen, wo man glaubt, determinative Phänomene nur messen zu müssen, um zu beschreiben, wie etwas funktioniert. Aber auch diese Forscher merken, dass ein Experiment mal „klappt“ – und dann wieder nicht. „Ausreißer“ bei Messungen werden meist ignoriert.

Im Juli-Heft des Top-Journals „Nature Cell Biology“ befasste sich ein Editorial mit dieser Problematik und machte den Autoren neue Vorgaben. Zellbiologie ist eine in ihren Methoden höchst komplexe Disziplin. Ihre Rohdaten bestehen aber oft nur aus einer weißen Bande, die am „richtigen“, also erwarteten, oder „falschen“ Platz oder gar nicht da ist. Statistiken sind in dieser Disziplin deshalb bisher fast nicht zu finden. Wenn doch, dann in einfachster Form, etwa als Mittelwert und Standardabweichung einer meist sehr kleinen Stichprobe.

Dies zeigt aber auch, dass das Studienobjekt als rein mechanistisch oder deterministisch angesehen wird. Nach dem Motto: Entweder funktioniert dieses Protein in dieser Art und Weise oder eben nicht. Aber Zellen funktionieren nicht wie Uhrwerke, sondern eher wie Ökosysteme mit komplexen Interaktionen, wo viele variable Faktoren eine Rolle spielen, die auch stochastische Komponenten enthalten.

Die exakteste aller Wissenschaften, die Physik, hat sich schon vor fast einhundert Jahren vom deterministischen Newton’schen Weltbild gelöst und die stochastischere Sicht der Quantenphysik zur Grundlage genommen. Nun steht die Zellbiologie vor einem Kulturschock, da sie sich zur quantitativen „Systembiologie“ erweitert und quantitativ arbeitende Physiker vermehrt als Bioinformatiker in dieser Welt der wissenschaftlichen Intuition arbeiten.

Statistik ist ein fundamentales Werkzeug und muss an deutschen Universitäten und Schulen viel mehr und viel besser unterrichtet werden. Nur Veränderungen auf subatomarer Ebene – wie Quantensprünge – haben manchmal einen Alles-oder-nichts-Charakter. Alles andere im Leben ist in Grautönen gehalten. Man braucht daher ein Verständnis von Statistik, um die Welt besser verstehen zu können.

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