Quantensprung
Unser persönliches Genom

In Zukunft werden Ärzte in der Lage sein, jegliche genetische Vorbelastung ihrer Patienten zu erkennen - dank der Genomik. Ein wichtiger Fortschritt, schreibt Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie. Eine Einschätzung der Chancen und Risiken.
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Wir leben im Zeitalter der Genomik. Und auch, wenn die Gesetzgeber hierzulande versuchen, den Fortschritt aufzuhalten, wird jeder von uns in nicht allzu ferner Zukunft seine gesamte genetische Information auf einem Chip in der Versicherungskarte mit zum Arzt nehmen.

Dahinter steht die Hoffnung auf "personalisierte Medizin". Sie wird es den Ärzten nicht nur erlauben, jegliche genetische Vorbelastung ihrer Patienten für bestimmte Krankheiten zu erkennen, sondern sie wird auch helfen, Nebenwirkungen zu minimieren und die Zusammensetzung und Dosis von Medikamenten auf jeden Patienten individuell abzustimmen.

Der Weg dahin ist allerdings noch weit und steinig. Zwischen zwei willkürlich ausgewählten Menschen aus einer Fußgängerzone gibt es zum Beispiel mindestens drei Millionen Mutationen, die sie voneinander unterscheiden. Welche dieser Mutationen aber einen wirklichen Unterschied bei Krankheiten machen - und in welcher Kombination -, ist noch weitgehend unbekannt. Den "Standard-Menschen" mit dem "typischen" Genom gibt es nicht. Wir sind alle Mutanten.

Dabei haben die Menschen im Vergleich zu unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen, sogar noch relativ ähnliche Genome. Unsere Vorfahren haben wahrscheinlich einen Flaschenhals-Effekt erlebt: Vermutlich wurde irgendwann in unserer Vorgeschichte die Anzahl der Menschen stark reduziert. Damit gingen viele Genvarianten verloren.

Inzwischen ist ein weltweites Mammutprojekt angelaufen, bei dem 1 000 komplette menschliche Genome bestimmt werden. Bald wird die Genom-Sequenzierung technisch so schnell machbar und damit auch erschwinglich sein, dass wir alle unser persönliches Genom kennen werden.

Dann werden statistische Methoden notwendig, die den Effekt verschiedener Kombinationen von Genvarianten auf die Gesundheit errechnen können. Aber selbst damit wird man immer nur die Wahrscheinlichkeit berechnen können, eine Krankheit zu entwickeln. Ein wirkliches Verständnis, wie genau die verschiedenen Varianten aller etwa 25 000 Gene und ihrer wohl Millionen von Steuerelementen in einem Genom zusammenarbeiten, wird noch Jahrzehnte auf sich warten lassen.

Obwohl es bis dahin noch ein langer Weg ist, gepflastert mit ethischen und versicherungstechnischen Implikationen, wird sich der Fortschritt auchhier in Deutschland - trotz vielleicht begründeter gesellschaftlicher Bedenken - nicht aufhalten lassen.

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