Quantensprung
Woher weiß der Kuckuck?

Der Kuckuck ist ein Betrüger und Manipulator. Schließlich legt er seine Eier in fremde Nester. Aber warum merken die Eigentümer nicht, was ihnen da untergejubelt wurde? Axel Meyer, Professor für Evolutionsbiologie, hat eine Vermutung.
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Wir alle kennen den Ruf des männlichen Kuckucks im Frühling. Ihm verdankt er auch seinen schönen wissenschaftlichen Namen - Cuculus canorus. Er selbst ist nicht gerade schön, und seine unangenehmen Eigenschaften haben ihm seinen sprichwörtlich schlechten Ruf verpasst. Der Kuckuck ist ein Brutparasit und überlässt mehr als 100 verschiedenen Arten von Wirten die Aufzucht seiner Jungen. Ein Kuckucksweibchen legt durchschnittlich neun Eier, die es einzeln in die Nester von Wirtsvögeln legt.

Die Kuckuckseier ähneln denen ihrer Wirte in Farbe, Größe und Form. Bestimmte weibliche Kuckuckslinien legen ihre Eier immer nur in die Nester bestimmter Wirtsarten. Die Fähigkeit, genaue Eierimitate zu produzieren, scheint bei Weibchen, aber nicht Männchen des Kuckucks erblich zu sein. Alle Vogelweibchen haben zwei verschiedene Geschlechtschromosomen (ein sogenanntes W- und ein Z-Chromosom), Vogelmännchen aber nur eine Sorte (zwei Kopien des Z-Chromosoms). Man vermutet daher, dass die genetischen Instruktionen für die einen bestimmten Wirtseiertyp imitierenden Eier auf dem W-Chromosom des Weibchens zu finden sind. Ein nach nur zwölf Tagen aus dem Ei schlüpfender Kuckuck schubst alle Eier des Wirtes aus dem Nest, bis er dort allein zurückbleibt. Oft ist das Kuckucksküken dreimal so groß wie seine Wirtseltern, die es trotzdem füttern.

In diesem evolutionären Wettrennen geht es um Betrug und Manipulation. Das Kuckucksweibchen entfernt vor der Eiablage auch ein oder zwei Eier aus dem Wirtsnest. Wahrscheinlich tut es dies, weil die Wirte zu wissen scheinen, wie viele Eier sie gelegt haben. Viele Vogelarten können (Eier) zählen. Eins zu viel würde die Wirtsmutter skeptisch machen. Die parasitierten Vögel verlieren immer ihre gesamte Brut, auch wenn sie das fremde Ei bemerken, denn dann geben sie das Nest auf. Dies passiert in bis zu 30 Prozent der Fälle. Meist ziehen die unfreiwilligen Eltern das fremde Kücken auf.

Warum hat die Evolution den Wirten nicht beigebracht, verlässlicher ein Kuckucksei von den eigenen zu unterscheiden? Sie könnten es dann aus dem Nest entfernen und hätten nur ein eigenes und nicht die ganze Brut verloren. Zu erklären ist das wahrscheinlich durch die Seltenheit dieses Brutparasitismus. In den meisten Populationen sind weniger als ein Prozent der Nester vom Kuckuck befallen. Und dies ist möglicherweise als Selektionsdruck zu schwach, um eine bessere Gegenstrategie zu entwickeln. Im Moment liegt der Kuckuck in diesem Wettrennen vorne.

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