Raumfahrt
„Die Musik bestellen“

„Der Mond ist ein möglicher Rohstofflieferant“, sagt Ex-Astronaut Ernst Messerschmid. An der Uni Stuttgart forscht er über die Architektur von Raumstationen und Raumtransportsystemen. In einem Gespäch zum 50. Jahrestag des ersten Satellitenflugs erklärt er, warum sich bemannte Flüge ins Weltall lohnen – obwohl sie sich nicht rechnen.
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Handelsblatt: Professor Messerschmid, vor 50 Jahren begann mit dem Flug des Satelliten Sputnik 1 das Weltraumzeitalter. Die Mission damals diente vor allem dem Prestige der Sowjetunion. Dient Raumfahrt auch heute noch propagandistischen Zwecken?

Ernst Messerschmid: Selbstverständlich. Denken Sie an China oder Indien, die heute ihrer Bevölkerung und der Welt zeigen wollen, dass man mit den großen Weltraumnationen mithalten kann – auch wenn die Chinesen die Technik heute größtenteils noch in Russland einkaufen müssen. Doch zu Hochmut besteht kein Anlass: Wenn die Europäer sich nicht sputen, rangieren sie bald nur noch auf Platz fünf der Nationen, die eigene Astronauten mit eigenen Raketen ins All schicken.

Müssen sich die Europäer denn überhaupt noch im All beweisen?

Ganz bestimmt nicht. Die Europäer haben es geschafft, in über 40 Missionen 33 Astronauten ins Weltall zu befördern – ohne eigenes Transportsystem. Wir müssen dafür heute nachweisen, wo der Nutzen vor allem der bemannten Raumfahrt liegt.

Da sind wir schon bei einer Kernfrage: Ist die bemannte Raumfahrt nicht eine gigantische Verschwendung von Steuergeldern ohne Aussicht auf eine Rendite?

Wenn Sie Rendite nicht nur wirtschaft-lich definieren, sondern in die Rechnung auch den enormen Zuwachs an Wissen über die Erde, den Weltraum oder die Herkunft des Menschen einbeziehen, dann ist die Rendite überzeugend. Und zwar so überzeugend, dass alle leistungsfähigen Nationen heute einen Teil ihres Forschungsetats für Raumfahrt, insbesondere die bemannte Raumfahrt, aufwenden. Leider investiert Europa weniger als die USA und Japan.

Wieso leider? Vielleicht sind die Europäer der Überzeugung, dass anderswo effektiver neues Wissen gewonnen werden kann.

Das ist auch ein kultureller Unterschied. Die Europäer legen größeren Wert auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, für die USA ist die Nutzung der Technologien solcher Raumfahrtprogramme für weitere Erkundungsflüge zum Mond oder Mars wichtiger.

Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat einen Etat von immerhin rund drei Milliarden Euro. Reicht das nicht?

Das hört sich nach einer gewaltigen Summe an. Aber die drei Milliarden Euro fließen etwa zu gleichen Teilen in Erd- und Umweltbeobachtung, Kommunikation und Navigation, die Weiterentwicklung der Rakete Ariane, in allgemeine Technologieentwicklung und die bemannte Raumfahrt. Der Unterschied: Von den rund 900 Millionen Euro, die Deutschland in die Raumfahrt investiert, fließen 80 Prozent direkt an die ESA, der Rest bleibt im Land. Die Franzosen zahlen dagegen fast genauso viel an die ESA, investieren im eigenen Land aber noch einmal den gleichen Betrag und sind uns deshalb heute in vielen Bereichen voran. Zudem sinkt der Raumfahrtforschungsetat in Deutschland seit Jahren, von einst 20 auf 13 Prozent des gesamten Forschungsbudgets.

Das sind aber immer noch fast 180 Millionen Euro für die bemannte Raumfahrt.

Im Vergleich zu anderen Ländern ist das aber zu wenig. Ich hoffe, das wird sich ändern, wenn wir mit den Russen zusammen oder noch besser aus eigener Kraft eigene Astronauten in den Weltraum schießen.

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