Raumfahrt
Die Wirtschaft entdeckt das All

Für Pharmaunternehmen und andere Industriezweige ist der Weltraum ein interessantes Experimentierfeld. Doch die Forschung in der Schwerelosigkeit hat ihren Preis. Kooperationen mit Weltraum-Behörden sollen helfen, die Versuchskosten auf der ISS im Rahmen zu halten.
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BERLIN. Die klinische Studie war nichts für Kandidaten mit schwachem Magen: Vor einem Jahr schickte der Arzneimittelhersteller Berlin Chemie vier Probanden auf einen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchgeführten Parabelflug im Airbus "Zero G" - auch "vomit comet" genannt. Die Probanden hatten vor dem Start den Betablocker Nebivolol geschluckt, der Herzfrequenz und Blutdruck senkt. Auf dem Flug wurden sie 30 Mal für jeweils 20 Sekunden durch waghalsige Flugmanöver in den Zustand simulierter Schwerelosigkeit versetzt. "Wir wollten herausfinden, wie das Medikament unter diesen Bedingungen wirkt", sagt Roger Limberg, der bei der Pharmafirma die Forschungsabteilung leitet.

Der Hintergrund: In der Schwerelosigkeit schießt das Blut, das auf der Erde in die Beine sackt, in Kopf und Oberkörper. Herzfrequenz, Blutdruck und Flüssigkeitsverteilung ändern sich rasch und massiv, bestimmte Druckrezeptoren in den Gefäßen spielen verrückt. "Der Zustand hat Ähnlichkeit mit Krankheitsbildern, die häufig auf der Intensivstation auftreten", sagt Limberg. Er eigne sich beispielsweise als Modell für Schockzustände und Verbrennungen. Für das Pharmaunternehmen eine einzigartige Chance, die Wirkung des Mittels bei solchen Zuständen zu testen.

Die Untersuchung von Berlin Chemie war die erste Medikamentenstudie unter Schwerelosigkeit überhaupt - dabei liefern die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Astronauten zahlreiche interessante Ansatzpunkte für die Pharmaindustrie: Knochen und Muskeln schwinden, die Haut altert schneller, der Gleichgewichtssinn wird gestört und die Psyche gerät unter Stress.

Auch für andere Industriezweige sind Weltraum und simulierte Schwerelosigkeit ein interessantes Experimentierfeld. Metall-Legierungen lassen sich dort besser studieren, Verbrennungsprozesse an winzigen Tropfen bis ins Detail analysieren, das Fließverhalten von Stoffen in Mikrosystemen ohne die Störgröße Schwerkraft beobachten. Trotzdem hält sich die Industrie noch zurück. Bisher findet während der Flüge an Bord des "Zero G", in Forschungsraketen und im Labormodul Columbus auf der Internationalen Raumstation ISS vor allem universitäre Grundlagenforschung statt - sehr zum Verdruss des DLR. Das Raumfahrtzentrum hat daher die Initiative Gospace aufgelegt, die die industrielle Nutzung der Forschungskapazitäten beflügeln soll.

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