Raumstation Mir
Als Russland im All Roulette spielte

Mit einem bewohnten Außenposten im All reagierte der Kreml 1986 auf den verlorenen Wettlauf zum Mond. Heute gilt die Raumstation Mir als technische Großtat - auch wenn die Pannenliste beeindruckend war.

BerlinTragik und Triumph lagen in der Raumfahrt wohl nie so nahe beieinander wie vor 30 Jahren. Nur drei Wochen nach der Challenger-Katastrophe, als sieben US-Astronauten bei der Explosion ihres Space Shuttles starben, schoss die Sowjetunion am 19. Februar 1986 die Basis für die Raumstation Mir ins All. Heute gilt der Forschungskomplex als technische Großtat – trotz erheblicher Mängel.

Von Baikonur aus startete zunächst eine Proton-Rakete mit dem mehr als 20 Tonnen schweren Modul in die Umlaufbahn. Die Betriebsdauer des „Nationalen Orbital-Komplexes“, wie das Himmelslabor im Jargon der Kommunistischen Partei hieß, war auf sieben Jahre angelegt. Doch die Mir blieb 15 Jahre im All – und wurde zum Mythos. „Wir stünden ohne diese Erfahrung noch am Anfang“, sagt Esa-Direktor Thomas Reiter, der als Astronaut insgesamt sechs Monate auf der Raumstation verbrachte.

Zwar leisten die sowjetische Saljut (1971) und das US-amerikanische Skylab (1973) als Arbeitsplätze im All wichtige Pionierarbeit. Die Mir war aber eine galaktische Premiere: Ein solch komplexes, für den Betrieb in der Schwerelosigkeit geschaffenes Gebilde hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Die Idee von einem ständig bewohnten Koloss im Kosmos setzte sich in Moskau in den 1970er Jahren durch. Ansporn war das Trauma, den Wettlauf zum Mond gegen die US-Weltraumbehörde Nasa verloren zu haben, die 1969 die ersten beiden Menschen auf den Erdtrabanten brachte. Nach dieser Niederlage setzte die UdSSR verstärkt auf Vorposten im All, und die Mir wurde zum Flaggschiff der sowjetischen Raumfahrt, zum „Roten Stern“ am Technikhimmel.

Keine Vielfliegerlounge mit Plüschsesseln

Das Basismodul diente dabei als „fliegender Bauwagen“, von dem aus Kosmonauten die Mir erweiterten. Bis 1996 folgten vier Module, ein Labor und vier Solar-Panels zur Energieversorgung. Die Inneneinrichtung stammte aber gleichermaßen aus der Steinzeit der Raumfahrt, wie Reiter 1995 als einer von vier deutschen Mir-Besuchern feststellen durfte.

Pumpen und Ventilatoren verursachten Lärm wie im Inneren eines Staubsaugers. Dusche und Toilette entpuppten sich als fehleranfällig. Schläuche durchzogen kreuz und quer die Station, Schraubzwingen hielten eine Luke dicht.

„Viele Russen basteln am Wochenende an ihrem Lada herum – mit dieser Einstellung sind auch die Kosmonauten auf der Mir am Werk“, schilderte der deutsche Astronaut Reinhold Ewald launig die Lage auf dem 136 Tonnen schweren Weltraum-Fossil. Eine Raumstation sei eben „keine Vielfliegerlounge“ mit Plüschsesseln.

Ewald war 1997 kaum eine Woche auf dem Außenposten rund 350 Kilometer über der Erde, als der schlimmste Fall eintrat: Feuer auf der Mir. Mit Mühe löschte die dreiköpfige Besatzung die halbmeterlange Stichflamme aus einem Sauerstoffgenerator. Doch die Materialermüdung auf dem robusten Orbit-Oldtimer war unübersehbar geworden. Mal trat Chemie aus der Kühlung aus, dann kam es beim Bordcomputer zum Blackout, schließlich schlug ein Frachter ein Leck in die Schutzhülle.

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Angst vor dem Absturz des "Russenschrotts"

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