Risikonomics
Prüfliste mit 50 000 Punkten

Mit raffinierten Sicherungssystemen wollen die Betreiber von Kernkraftwerken ernste Pannen vermeiden. So auch in Biblis bei Worms. Im ältesten und wohl umstrittensten Meiler Deutschlands sucht Anlagentechniker Jürgen Haag ständig nach Mängeln und sorgt dafür, dass der Reaktor auf dem neuesten Stand der Technik bleibt. Immer dabei: ein Prüfkatalog mit 50 000 Punkten.

BIBLIS. Gleich zweifach kommen die blauen Plastiküberzüge über die Sicherheitsstiefel, darüber noch Schlappen aus dünnem, weißem Stoff. Jürgen Haag hat sich in einen orangefarbenen Overall gezwängt, einen gelben Schutzhelm aufgesetzt und weiße Stoffhandschuhe übergestülpt. In die rechte Brusttasche lässt er ein kleines, schwarzes Messgerät gleiten, das „Dosimeter“. Der Apparat misst die Strahlendosis und steht auf null. Das soll er auch noch, wenn Haag nach einer halben Stunde den Rundgang durch den Kontrollbereich von Biblis A, die weithin sichtbare Halbkugel aus Stahlbeton, beendet hat – und ihn durch die zwei großen Metall-Sicherheitsschleusen wieder verlässt.

Der 53-Jährige hat einen sensiblen Beruf an einem sensiblen Ort. Er leitet in den Blöcken A und B des Kernkraftwerks Biblis bei Worms, des ältesten und wahrscheinlich umstrittensten Meilers Deutschlands, die Anlagentechnik. Der 1,80 Meter große Haag ist dafür zuständig, dass ein Team von über 270 Mitarbeitern des Betreibers RWE in jedem Jahr einen Prüfkatalog mit immerhin 50 000 Punkten abarbeitet, Mängel erkennt, beheben lässt und die inzwischen 34 Jahre alte Anlage mit Modernisierungsmaßnahmen ständig auf dem Stand eines neuen Reaktors hält.

Es ist warm im Inneren der großen Halbkugel, zwischen 35 und 38 Grad Celsius. Haag steht auf einer Metallplattform in 31 Meter Höhe. Er blickt auf den heikelsten Bereich des Kraftwerks. Unter ihm liegt der Reaktordruckbehälter, in dem 193 Brennelemente mit 45 000 Brennstäben stehen und durch Kernspaltung die Kraft liefern, um im Durchschnitt mehr als 2,5 Millionen Haushalte mit Strom zu beliefern.

Die verbrauchten, angereicherten Brennelemente der letzten fünf Jahre lagern direkt daneben im Abklingbecken. Auch dieser Bereich, der aussieht wie ein kleines, tiefes Schwimmbecken mit glasklarem Wasser, ist heikel. Eine versiegelte, an der Decke montierte Kamera fotografiert ihn im Abstand von zehn Minuten. So überwacht die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass keine Brennstäbe für militärische Zwecke abgezweigt werden.

Was sich hier abspielt, ist vielen Deutschen suspekt. Die Katastrophe von Tschernobyl vor 22 Jahren wirkt noch immer nach. Weltweit erlebt die Kernenergie zwar einen neuen Boom. 33 Anlagen sind schon im Bau und 40 fest vereinbart. Dazu kommen noch rund 100 – wenn auch eher vage – Ankündigungen. Und nach China, Indien, den USA oder Russland wagen sich mit Finnland und Großbritannien inzwischen sogar die ersten westeuropäischen Staaten wieder aus der Deckung. In Deutschland hat dagegen noch immer fast jeder Zweite Angst vor der einst gefeierten Technik.

Meldungen über Pannen in Kernkraftwerken schaffen es schnell in die Hauptnachrichtensendungen. Zuweilen herrscht gar Hysterie. „Rauch über dem Atomkraftwerk Biblis“, titelte die „Bild“ jüngst über dem Foto eines Lesers. „Vorher gab’s einen großen Knall. Ich hatte Angst, dass mir hier alles um die Ohren fliegt“, wird er zitiert. Den Rauch gab es zwar, er war allerdings nur Teil einer routinemäßigen Brandschutzübung der Werksfeuerwehr.

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