Risikowahrnehmung
Fukushima und die „German Angst“

Fukushima lehrte die Deutschen die Angst vor dem Atom. Auch andere Technologien wie die Gentechnik stehen bei uns oft in der Kritik. Der Soziologe Ortwin Renn über die Wurzeln der „German Angst“.
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Herr Professor Renn, nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan dominierte bald das havarierte Kernkraftwerk Fukushima die Berichterstattung in den hiesigen Medien – obwohl es im ersten Fall Tausende von Opfern gegeben hatte, während vom Reaktorunglück anfänglich nur wenige Menschen direkt betroffen waren. War dies eine verständliche Reaktion der Presse?

International nahmen die Medien das Erdbeben und den Reaktorunfall sehr unterschiedlich auf. Hierzulande dominierte Fukushima tatsächlich schnell die Schlagzeilen. Betrachtete man dagegen BBC, CNN oder internationale Magazine, so standen dort die Tsunamiopfer im Vordergrund. In Deutschland polarisiert die Atomfrage anscheinend die öffentliche Meinung so stark, dass dies alles andere rasch in den Hintergrund drängt.

Ist es tatsächlich so, dass sich die Deutschen mehrheitlich vor Kernkraft fürchten? In anderen Staaten scheint diese Angst weit weniger präsent.

In Deutschland spaltete die Atomenergie von Anfang an die politischen Lager. Die grüne Bewegung beispielsweise ging maßgeblich aus Anti-Atomkraft-Initiativen hervor und bildet bis heute in dieser Frage die prägende politische Kraft der Bundesrepublik. Immer noch eint der Protest gegen die Kernkraft alle Flügel der grünen Partei – von den Realos bis zu den restlichen noch vorhandenen Fundis.

In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben zudem solche Technologien ein Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann – so wie die Strahlung von Kernbrennstoffen. Diese Technologien treten an die Stelle von realen Gefährdungen wie bestimmten Krankheiten oder Hunger, die früher die Menschen ängstigten, aber heute weniger präsent sind oder gar völlig fehlen.

Ein dritter Punkt lässt sich auf die umstrittene Laufzeitverlängerung zurückführen, die zur Entstehung und Förderung des Wutbürgertums beigetragen hat. Fukushima stellt quasi eine Art Projektionswand dar, auf die Fragen zur Kernkraft wie die verlängerten Laufzeiten oder das fehlende Endlager nochmals abgebildet wurden.

Kernkraft galt lange als Zeichen des Fortschritts: Woraus entwickelte sich der Stimmungsumschwung?

Die Anti-Kernkraft-Bewegung stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, von wo sie dann in die Bundesrepublik herüberschwappte: Ihr Ausmaß verlief allerdings immer in Pendelbewegungen und war mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Nach den schrecklichen Atombombenabwürfen am Ende des Zweiten Weltkriegs entwarf Dwight D. Eisenhower das so genannte „Atoms for Peace“-Programm – Kernkraft galt plötzlich als Allheilmittel. Das ging sogar so weit, dass man dachte, man müsse gar keine Strommeter mehr einbauen, weil Energie so billig würde. Es war von Atomautos und Atomschiffen die Rede. Eine unglaubliche Euphorie machte sich breit.

In den 1960er Jahren setzte dann eine Gegenbewegung ein, die diese Versprechungen kritisch hinterfragte und ihre Umsetzung als völlig irreal anzweifelte. Gleichzeitig wurde zunehmend die Macht der großen Konzerne kritisiert, die natürlich zentrale Formen der Energieerzeugung bevorzugten und entsprechend über die Verteilung verfügen konnten. Im Rahmen der Studentenbewegungen bildete dies wunderbare Steilvorlagen, um auch gegen „großkapitalistische Technik“ Einspruch zu erheben.

Diese Einstellung sprang damals auf die deutsche Studentenschaft über und verselbstständigte sich. Mittlerweile hat die deutsche Anti-AKW-Bewegung die US-amerikanische weit überholt – bis hin zur Gründung einer eigenen Partei, die sich explizit gegen Kernkraft wendet.

Gibt es Staaten, in denen die Vorbehalte zur Kernenergie ähnlich stark ausgeprägt sind?

Österreich zum Beispiel stieg 1978 aus der Kernkraft aus. Schweden beschloss Anfang der 1980er Jahre, keine weiteren Kernkraftwerke mehr zu bauen; bereits in Angriff genommene Projekte durften jedoch zu Ende gebaut werden. 2009 erlaubte die Regierung allerdings wieder Neubauten – es erfolgte also gleich zweimal ein Umschwung.

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  • Wovor sich die Deutschen Fürchten:

    * Elektrosmock
    * Microwelle
    * Atomtod
    * Sommer (sie sterben dann den Hitzetod)
    * Winter (sie sterben dann den Kältetod)
    * Frühjahr (da ertrinken sie)
    * Sonne (erzeugt Hautkrebs)
    * der Nacht (da kommen dann Dracula, Trolls und Dämonen)
    * AKWs
    * CO2
    * Gentechnik
    * einfach vor allem!

    Und der Rest der Welt lacht darüber!

  • Wie heißt es so schön - St. Floriansprinzip: Überall, nur nicht bei mir zu Hause. Und je lauter nein: lärmender, desto mehr Aufmerksamkeit in den Medien. Lärm sell's

  • Ich stimme Peter's Kommentar zu. Im übrigen kann man hier z.Zt. eine Petition gegen Gentechnik mitzeichnen:

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=16941

    oder

    http://www.vielfalterleben.info/e-petition/

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