Roboter mit Gehirn
Japaner können Gedankenlesen

Japanische Wissenschaftler haben es erstmals geschafft Gedankenlesen in der Praxis anzuwenden. Der Honda-Roboter „Asimo“ wird gesteuert durch die Gedanken seines Besitzers. Bis die Technik marktreif ist, dürfte noch etwas Zeit vergehen. Derweil suchen die Wissenschaftler nach weiteren Anwendungen im Alltag.
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TOKIO. Der japanische Autokonzern Honda will in Zukunft Produkte anbieten, die sich rein durch Gedanken steuern lassen. „Es ist uns bereits möglich, die Gehirnaktivität mit hoher Genauigkeit zu interpretieren. Die Anwendungen sollen nicht nur in Therapie und Pflege liegen, sondern auch zu einer neuer Entwicklungsstufe bei Alltagsanwendungen führen“, sagte Honda-Entwicklungschef Yasuhisa Arai gestern in Tokio. Die Technik befinde sich noch in einer frühen Phase der Entwicklung – bis zur Marktreife werde es noch einige Jahre dauern. Als mögliche Anwendungen nannte Honda das Umschalten des Fernsehprogramms ohne Fernsteuerung oder das Öffnen des Autokofferraums, wenn sich der Fahrer mit beiden Händen vollbeladen dem Fahrzeug nähert.

Japans Fahrzeugindustrie bereitet sich derzeit auf die Zeit nach dem herkömmlichen Auto vor. Marktführer Toyota beispielsweise entwickelt eine Produktlinie von Robotern, die schon in wenigen Jahren in der Altenpflege aushelfen sollen. Die japanische Gesellschaft steht Neuerungen wie Robotern oder jetzt der Verbindung von Hirn und Computer vergleichsweise offen gegenüber. „Es wird in Japan eher der Nutzen entsprechender Techniken gesehen als die mögliche Gefahr“, sagt Iris Wieczorek von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die Mitte April ein neues Büro in Tokio eröffnet. „So würde ich davon ausgehen, dass man in Japan auch bei der jetzt im Raume stehenden Steuerung mit Gehirnwellen nicht in erster Linie an Sicherheitsprobleme denkt.“

Hondas Vorzeigeprojekt in der Roboterforschung ist der menschenähnliche Asimo. Ihn schickte das Unternehmen auch vor, um das Gedankenlesen zu demonstrieren. In der Versuchsanordnung sitzt ein Techniker auf einem Stuhl mit dem Rücken zu einem Kasten von der Größe einer Gefriertruhe, in der sich die nötige Technik verbirgt. Daneben steht regungslos Asimo bereit. Dem Techniker sitzt eine umgekehrte Schüssel auf dem Kopf. Darunter sind an seine Kopfhaut Sensoren geheftet – wie in einem alten Science-Fiction-Film. Der Testleiter zeigt dem verkabelten Mann eine zufällig ausgewählte Karte, auf der in diesem Fall „rechte Hand“ steht.

Die Versuchsperson konzentriert sich nun auf das Heben der rechten Hand, ohne sich zu bewegen. Der Computer braucht einige Sekunden, um im scheinbaren Chaos der Messwerte aus dem Hirn des Testers die programmierten Muster zu finden. Dann regt sich Asimo. „Ich hab’s“, plärrt der Roboter. „Gemeint ist mit Sicherheit die rechte Hand!“ In einer dramatischen Geste reckt das bewegliche Kerlchen die rechte Faust.

Die praktisch verwertbare Genauigkeit erreicht Honda durch Verbindung von zwei bekannten Techniken: der Messung von Gehirnwellen und der Verortung von Gehirndurchblutung. Die Trefferquote liegt damit über 90 Prozent. „Als wir nur eine der beiden Aktivitäten gemessen haben, bekamen wir keine klaren Ergebnisse. Aber beide Techniken zusammen gleichen sich aus“, sagt Chefentwickler Arai. Die Testperson habe freilich etwa drei Monate täglich etwa hundertmal mit dem System geübt. Ziel sei es nun, die Anlage zu verkleinern, um sie irgendwann unauffällig seitlich am Kopf verstecken zu können.

Auch andere Forschungsgruppen weltweit arbeiten an der Interpretation von Gehirndaten. US-Wissenschaftlern ist es gelungen, Querschnittgelähmte mit ihren Gehirnwellen einen Mauszeiger steuern zu lassen – sie können auf diese Weise im Internet surfen und Mails verschicken. „Auch Deutschland verfügt über starke Grundlagenforschung in diesen Bereichen“, sagt Wieczorek von der DFG. Ihre Organisation wolle mit ihrem Japan-Büro dazu beitragen, Forschungspartnerschaften zu stärken – auch mit dem Ziel der praktischen Anwendung.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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