Robotergesteuerte Autos
Fahrerlos durch die amerikanische Wüste

Auf einem holprigen, staubigen Weg – nicht weit vom Campus der Stanford Universität entfernt – dreht ein dunkelgrauer VW Touareg eine Runde nach der anderen. Ohne Probleme meistert der Geländewagen Kurven und Unebenheiten im Terrain. Nur bei großen Schatten auf dem Weg wird das Auto langsamer, gerade so, als wüsste es nicht, was es von den Lichtspielen auf der Fahrbahn halten soll.

SAN FRANCISCO. Im Inneren des Wagens beugt sich Sebastian Thrun, Professor an der Stanford Universität und Direktor des Labors für künstliche Intelligenz, über den Bildschirm eines Laptops. Mit zwei Kollegen des Stanford Racing Teams diskutiert er Grafiken, digitales Kartenmaterial und aufblinkende Farbmarkierungen. Nur um Lenkrad, Gas und Bremse kümmert sich niemand. Das Auto fährt wie von Geisterhand gesteuert. „Drivers not required“ – Fahrer sind nicht nötig – steht in großen Lettern über dem Hinterrad des Autos, das vom Team „Stanley“ genannt wird.

„Stanley“ ist einer der Wettbewerber, der am 8. Oktober bei der von der Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency) ausgerichteten „Grand Challenge 2005“ an den Start geht. Bei diesem Rennen müssen robotergesteuerte Autos einen noch geheimen Parcours von 175 Meilen (282 Kilometer) durch ein Wüstengebiet im Südwesten der USA meistern – menschliches Eingreifen, Funkkontakt oder Fernsteuerung sind verboten. Dem Team, dessen Auto als erstes ins Ziel kommt und dabei zehn Stunden Fahrtdauer nicht überschreitet, winkt ein Preisgeld von zwei Millionen Dollar.

195 Teams von Universitäten und Forschungslabors aus Kanada und den USA hatten sich für das Rennen der Roboter beworben. Qualifiziert für das Halbfinale haben sich 40 Mannschaften, darunter auch das Team aus Stanford. Nur 20 werden nach weiteren Qualifikationsrunden im Oktober gegen einander antreten. Die „Grand Challenge 2005“ ist das zweite von der Darpa ausgerichtete Roboter-Rennen. Beim ersten Wettkampf im März 2004 schaffte das beste unbemannte Auto von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh gerade einmal gute sieben Meilen. „Es ist bemerkenswert, welche Fortschritte die Teams seitdem Zeit gemacht haben“, sagt Ron Kurjanowicz, Programm Manager der Darpa Grand Challenge. Die Chance, dass in diesem Jahr mindestens ein Auto über die Ziellinie fährt, sei deshalb hoch.

Auch das Stanford Racing Team, das erstmals an dem Rennen teilnimmt, ist zuversichtlich. „Es ist eine Möglichkeit, zu lernen und zu zeigen, was wir können“, sagt Thrun, dessen Fahrzeug mit lasergestützten Kamerasystemen, Radarsensoren, satellitengesteuertem GPS (Global Positioning System) und sieben Pentium-M-Computern ausgestattet ist. Rund 80 000 Zeilen Computercode, geschrieben von Thrun und weiteren Experten für künstliche Intelligenz, helfen „Stanley“ zu navigieren und aus Fehlern zu lernen.

Doch trotz der ausgefeilten Technik ist es nicht einfach, einem Auto das Fahren beizubringen. Es muss lernen, zwischen Schatten und Hindernissen zu unterscheiden, den Parcours im Wüstenterrain ohne Wegmarkierungen zu erkennen und die Geschwindigkeit den Gegebenheiten anzupassen. Das erfordert Präzision: „Es reicht nicht, wenn man 99 Prozent der Steuerungsprobleme gelöst hat“, sagt Thrun. Ein Prozent Fehlerquote reiche, um im Graben zu landen.

Seit einem Jahr arbeitet Thrun – ein Deutscher, der in Bonn Informatik studierte und seit 2003 Professor an der Stanford University ist – mit seinem Team an dem Auto, das von VW zur Verfügung gestellt wird. Jedes zweite Wochenende verbringt der Forscher in der Wüste. Was ihn motiviert? „Wir wollen etwas schaffen, was noch niemandem zuvor gelungen ist“, sagt der 38-Jährige, der gemeinsam mit einem Team aus Stanford Professoren, Studenten und Doktoranden und Ingenieuren aus den VW Electronic Research Labs im kalifornischen Palo Alto an der Technik feilt.

Der Wagniskapitalgeber Mohr, Davidow Ventures aus dem Silicon Valley unterstützt das Projekt finanziell und organisatorisch. Die Summe ist jedoch geheim. Während die Darpa an der Weiterentwicklung von autonomer Fahrzeugtechnik für militärische Zwecke interessiert ist, sieht Thrun vor allem Fortschritte in der Fahrzeugsicherheit. Vor einigen Tagen ist es Stanley erstmals gelungen, die gesamte Strecke der „Grand Challenge 2004“ zu absolvieren. Zwar musste das Team noch ein paar Mal eingreifen, als das Fahrzeug vom Weg abgekommen war, doch die Entwickler sind optimistisch. „In der Zukunft werden Autos völlig autonom fahren – keine Frage“, sagt Thrun. Die Fahrt durch die Wüste sei ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg.

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