Rolleiflex-Kamera
Das neue Zwei-Augen-Prinzip

Die Rolleiflex-Kamera war einst eine Ikone deutscher Qualitätsfotografie. Nun kehrt sie in neuem Design zurück - als Gegenmodell zur Perfektion der Digitalfotografie. Erst internationale Kollaboration hat die Trend-Opposition ermöglicht – und einen neuen Markt für aussterbende Produkte geschaffen.
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Konsum ist ein politisches Phänomen, dem sich die wenigsten Bürger freiwillig entziehen. Wird aus einer Innovation eine lebensprägende Revolution, so muss sich früher oder später jeder dazu bekennen. Erklärt die Mehrheit Autos, Kühlschränke oder Mobiltelefone zur Standardausrüstung, wird eine Kaufablehnung zur Kritik am System. Mit ihrem Beitrag zum Entstehen von Megatrends definieren Konsumenten die nicht ganz demokratische Grundlage der Marktgesellschaft.

Wer sich darauf einigt, per E-Mail oder Twitter zu kommunizieren, schließt Briefromantiker automatisch aus. Auch der Markt bestraft die Opposition. Fällt ihre Größe unter eine numerische Grenze, die der Fünf-Prozent-Hürde ähnelt, so werden die von ihr geforderten Produkte und Dienstleistungen eingestellt.

Die politische Debatte ist damit freilich nicht beendet: Wie eine widerstandslose Revolution nicht vorstellbar wäre, so kennt jeder Megatrend zahlreiche Gegentrends. Möglich macht das ausgerechnet die Globalisierung, die gerne als Schuldige für den einhergehenden Homologationsprozess gesehen wird. Global lassen sich Gegenströmungen kanalisieren und zu nennbarer Größe zusammenführen. Die Trend-Opposition stellt die Basis für sonst unvorstellbare Unternehmungen. Zum Beispiel das Geschäft mit der Lomographie.

Abgeleitet wurde der Begriff von der Ostblock-Fotokamera Lomo, einem rudimentären Gerät, das rudimentäre Bilder schießt. Während sich in den 90er-Jahren um die digitale Fotografie ein globaler Megatrend formte, der fehlerfreies und pausenloses Fotografieren ermöglichte, traten Kreative auf die Bremse und kehrten zu rustikalen Kameras zurück. Lomographen ziehen automatischer Bildverbesserung das Wackelige vor. Aus der radikalen Opposition entstand ein Geschäftsfeld, für das stets neue Produkte entstehen.

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  • Die Digitalfotografie ist leider noch keine vollständige Ablösung der analogen Ursprünglichkeit, auch wenn die Werbemanager gern eine andere Meinung unters Volk bringen wollen. In der Bildsprache werden heute Dinge für hoffähig erklärt, die im Konsens von Fachleuten schon vor langer Zeit als Irrweg erkannt wurden. Das aufgesetzte, oberflächliche, banale gewinnt oft die Oberhand, leider! Hier greift die bewußte Nutzung analoger Technik durch Beschränkung von Aufnahmeanzahl und "Langsamkeit" in den Gestaltungsprozess aktiv ein und verändert damit natürlich auch die Bildsprache. Folge sind oft (in der ensthaften Fotografie -nicht unbedingt im Bereich der Lomografie- geschlossenere, durchdachtere Ergebnisse mit größerer Tiefe und Ausstrahlungskraft und (für den Fotografen wichtig) einem bessen Gefühl und einer höheren Befriedigung für den Fotografen. Ich spreche bewußt nicht von einem Gegentrend (oder der weiß-ich-wie-vielten "Neuen Art des Sehens"), sondern von bewußter Nutzung analoger Möglichkeiten. Und immer noch gilt: Die Bildfehler entstehen 5 cm hinter dem Sucher!

    Thomas Kreil

  • Nun ich mag es nicht als kreativer Analogfotograf mit den Lomografen in einen Topf geworfen zu werden, denn auch in der Analogfotografie bemühe ich mich handwerklich gelungene bilder zu Stande zu bringen. Mir kommt es manchmal so vor als wolle dieser neue Trend handwerkliche Schlampigkeit unter dem Deckmantel der Kreativität salonfähig machen.

    Und das farbige Kunststoffspielzeug aus China mit der zweiäugigen Rolleiflex zu vergleichen, halte ich schon für recht gewagt. Spätestens beim Vergleich der Abbildungsleistungen würde sich wohl offenbaren, daß schrilles Design nicht Alles sein kann. Und manuell steuern kann ich auch hochmoderne Kameras...

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