Rückversicherer
Im Auge des Wirbelsturms

Als immer häufiger Orkane Spuren der Verwüstung auch in den Büchern der Rückversicherer hinterließen, stürzte sich die Branche auf die Entwicklung neuer Risikomodelle. Und so schlug in der bis dato von Juristen beherrschten Branche die Stunde der Mathematiker. Wie Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek Hurrikane bändigt.

MÜNCHEN. Torsten Jeworrek sieht so aus, wie man sich einen Mathematiker vorstellt. Bebrillt, konzentriert, unauffällig – rein theoretisch. Daher wird sich Jeworrek auch bei der heutigen Bilanzpressekonferenz seines Arbeitgebers Münchener Rück meist im Hintergrund halten und dem Chef, Nikolaus von Bomhard, die Bühne überlassen. Bis es dann wahrscheinlich zu jenem Augenblick kommt, an dem Jeworrek, zum Thema Klimawandel befragt, das schöne Wort „Hurrikan“ in den Mund nimmt. Mit deutschem „U“ und langem „A“. Niemand in der Branche sagt das so schön wie er, kaum jemand hat aber auch so viel dazu zu sagen.

Insofern ist sein „Hurrikan“ fast schon zum Kultwort geworden. Denn Jeworrek ist beim zweitgrößten Rückversicherer der Welt im Konzernvorstand verantwortlich für die gesamte Rückversicherung. Es gibt daher nur wenige Manager, die die ökonomischen Folgen des Klimawandels derart gut beurteilen können wie der 1961 in Oschersleben (Sachsen-Anhalt) geborene Doktor der Mathematik.

Es waren „Winds of Change“, die Jeworrek vor 17 Jahren nach München trieben. Erst die deutsche Einheit, dann die mitteleuropäischen Winterstürme „Vivian“ und „Wibke“. „Außerhalb der Lebensrückversicherung gab es damals so gut wie gar keine Mathematiker“, erzählt Jeworrek. Dann kamen die Orkane und hinterließen Spuren der Verwüstung auch in den Büchern der Rückversicherer. Plötzlich gab es einen enormen Bedarf für die Entwicklung neuer Risikomodelle. Und so schlug in der bis dato von Juristen beherrschten Branche die Stunde der Mathematiker.

In Magdeburg saß zu dieser Zeit ein Mann, der sich als wissenschaftlicher Assistent unter anderem mit der „Lösung von Optimierungsproblemen über dem Durchschnitt von Matroiden“ beschäftigte, so der Titel seiner Dissertation. Da entdeckte Torsten Jeworrek eine Stellenanzeige der Münchener Rück. 17 Jahre ging es nach oben, mal mit „Jeschäft und Underwriting“, mal mit „Risikomanagement und Modellentwicklung“. Heute ist er „Vorsitzender des Rückversicherungsausschusses“ im Konzernvorstand.

Auch deshalb steht Jeworrek derzeit im Auge des Sturms, im Zentrum der tobenden Klimadebatte. Lohnt sich Rückversicherung in der Ära globaler Erwärmung überhaupt noch? Jeworrek bleibt gelassen: „Kernkompetenzen für Rückversicherer sind die realistische Risikoeinschätzung und ausreichend Geld, beides haben wir“, sagt er. Es komme dann darauf an, auch das Undenkbare zu denken. Und das ist ein Hurrikan, der seinen Weg über Florida und in den Golf von Mexiko nimmt. Bis zu 250 Milliarden Dollar versicherte Schäden könnten auf die Branche zukommen. Zum Vergleich: Der Wirbelsturm „Katrina“ verursachte 2005 versicherte Schäden von 45 Milliarden Dollar; in den Büchern der Münchener Rück blieben davon 1,6 Milliarden Euro hängen. Seither ist man in München im Geschäft mit dem „Hurrikan“ noch vorsichtiger geworden.

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