Schiffkatastrophe
„Als ob wir die Hölle löschen müssten“

Bis heute ist es die größte zivile Schiffskatastrophe in den USA: Vor 110 Jahren sank die „General Slocum“ vor New York. Mehr als 1000 Deutsch-Amerikaner starben. „Little Germany“ sollte sich davon nie mehr erholen.
  • 1

New YorkEin fröhlicher Schiffsausflug hatte es werden sollen, mit Picknick, Musik und Tanz, und das alles vor der Küste New Yorks. 1358 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder deutscher Abstammung, bestiegen an einem sonnigen Sonntagmorgen vor genau 110 Jahren die „General Slocum“, das größte Ausflugsboot New Yorks.

Die lutherische St. Marks Kirche der deutsch-amerikanischen Gemeinde auf der Lower East Side hatte den Dampfer für 350 Dollar gechartert und wollte wie jeden Sommer das Ende des Schuljahres feiern. Pastor Hass begrüßte an jenem 15. Juni alle Passagiere mit Handschlag, ehe er Kapitän William Van Schaick das Zeichen zum Ablegen gab.

Was folgte, ging in die Geschichte ein als die bis heute größte zivile Schiffskatastrophe der USA: Nur rund eine halbe Stunde nach dem Start brach in einem Lagerraum des Schaufelraddampfers Feuer aus. Glut einer Zigarette oder aus der Kombüse hatte unsachgemäß gelagertes Stroh entzündet, ergab später eine Untersuchung.

Alle Löschversuche scheiterten, weil der einzige Schlauch verrottet war und platzte. Auch die Schwimmwesten erwiesen sich als unbrauchbar. Rettungsboote ließen sich nicht aus ihren Verankerungen lösen. Brandschutzübungen hatte es nie gegeben. Das Feuer lasse sich nicht bekämpfen, teilte die Crew Kapitän Van Schaick mit. „Es ist, als ob wir die Hölle selber löschen müssten.“

Schließlich sank das 76 Meter lange und 21 Meter breite nach dem Bürgerkriegshelden General Henry W. Slocum benannte Schiff vor der Küste der Bronx bei einer Flussenge mit dem Namen „Hell's Gate“ (Höllentor). Hunderte Passagiere erstickten, verbrannten oder ertranken im heftigen Wellengang. Viele von ihnen konnten nicht schwimmen, zudem wurden zahlreiche Opfer durch die damals modische schwere und lange Kleidung in die Tiefe gezogen.

Mehr als 1000 Menschen waren am Ende dieses so fröhlich gestarteten Tages tot, die meisten von ihnen Frauen und Kinder deutscher Herkunft. Nur 321 Passagiere überlebten. Noch Tage später wurden an den Küsten New Yorks Leichen angeschwemmt. „Ein Horrorspektakel, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt“, nannte es eine Zeitung damals. Obwohl die Tragödie später nahezu in Vergessenheit geriet, ist sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 noch immer die schlimmste Katastrophe in der Geschichte New Yorks.

Seite 1:

„Als ob wir die Hölle löschen müssten“

Seite 2:

Der Anfang vom Ende für "Little Germany"

Kommentare zu " Schiffkatastrophe: „Als ob wir die Hölle löschen müssten“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Hallo. Sie schreiben "an einem sonnigen Sonntagmorgen vor genau 110 Jahren". Der 15.6.1904 war aber ein Mittwoch. Bitte korrigieren. Vielen Dank.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%