Forschung + Innovation
Schimpansen-Erbgut entziffert

Ausgerechnet im Gehirn sind sich Mensch und Schimpanse genetisch am ähnlichsten. Das zeigt eine Erbgutanalyse beim nächsten Verwandten des Menschen. Ein internationales Forscherkonsortium hat das Schimpansen-Genom jetzt vollständig entziffert.

dpa NEW YORK/LEIPZIG. Ausgerechnet im Gehirn sind sich Mensch und Schimpanse genetisch am ähnlichsten. Das zeigt eine Erbgutanalyse beim nächsten Verwandten des Menschen. Ein internationales Forscherkonsortium hat das Schimpansen-Genom jetzt vollständig entziffert.

Es ist zu 98,7 Prozent identisch mit dem menschlichen Erbgut, wie die Wissenschaftler in den Fachzeitschriften „Nature“ und „Science“ berichten. „Für die grundlegende Frage, was uns zu Menschen macht, haben wir noch keine Erklärung“, räumt jedoch einer der federführenden Forscher, Robert Waterston von der Universität von Washington in Seattle, ein.

Dass der Mensch über Fähigkeiten wie Sprache und Gedächtnis verfügt, der Schimpanse bei fast identischem Erbgut aber nicht, erklärt der Evolutionsbiologe Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck- Institut für evolutionäre Anthropologie mit einer unterschiedlichen Aktivität der Gene. Sein Team hatte die Aktivität von jeweils rund 21 000 Genen in Herz, Leber, Niere, Hoden und Hirn beider Primaten verglichen. Der größte Unterschied zeigte sich dabei im Hoden, wo jedes dritte Gen anders aktiv ist. Das schreiben die Forscher der ausgeprägten Promiskuität der Schimpansenweibchen zu. Sie zwinge die Männchen, mehr Samenzellen zu erzeugen, um sich gegen die starke Konkurrenz durchsetzen und das Rennen um die Vaterschaft gewinnen zu können.

Eigentlich sollte der Schimpanse das Rätsel Mensch lösen helfen. Die Analysen des jetzt komplett entzifferten Erbguts bieten viele Antworten, werfen aber auch zahlreiche neue Fragen auf. Warum haben beispielsweise sechs Mill. Jahre Evolution nicht mehr Spuren in das Genom des Homo sapiens gekerbt?

„Science“ veröffentlicht an diesem Donnerstag zeitgleich mit dem britischen Fachblatt „Nature“ die Berichte des internationalen Konsortiums, das damit das Genom des Schimpansen (Pan troglodytes) vorstellt. Die Federführung des Schimpansen-Sequenzierungsprojekts lag bei der Harvard-Universität und dem benachbarten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Dem Konsortium gehören außerdem Wissenschaftler aus den USA, Israel, Italien, Spanien und Deutschland an.

Mensch und Schimpanse hatten vor etwa sechs Mill. Jahren den letzten gemeinsamen Vorfahren. Seitdem hat sich ihr genetischer Bauplan ungeachtet der Evolution kaum verändert. Den jüngsten Erkenntnissen nach fehlen dem Schimpansen nur rund 50 der Gene des Menschen. Damit sind sich Mensch und Schimpanse genetisch zehn Mal ähnlicher als Maus und Ratte, wie es in einem der Berichte heißt. Seit die Evolution beider Spezies unterschiedliche Wege einschlug, veränderte der Mensch vor allem den Geruchssinn und das Gehör. Bei den Menschenaffen traten Erbanlagen für die Skelettstruktur und Kletterfähigkeit in den Vordergrund.

Neue Errungenschaften wie die Sprache waren oft das Ergebnis unterschiedlicher Genaktivität und Regulierung des Genprodukts. Wenn aber Veränderungen im Genom auftraten, ergaben sie sich meist durch Duplikation großer DNA-Segmente, heißt es in „Nature“. Aus einigen dieser Duplikationen können sich nach Angaben der Genforscher Krankheiten wie die Muskel-Atrophie und das Prader-Willi-Syndrom ergeben. Von weiteren Analysen des Schimpansen-Erbguts sowie der Entzifferung anderer Primaten-Genome erhoffen sich die Forscher auch Hinweise darauf, warum Menschen Krebs und Alzheimer bekommen können, Menschenaffen aber nicht.

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