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Schlaf-Attacken: 40 000 Deutsche leiden unter Narkolepsie

Christine Lichtenberg hat drei Mal ihren Job verloren, weil sie am Arbeitsplatz immer wieder einschlief. Gerhard Steiner klappte bei Müdigkeit plötzlich zusammen, ohne dass Ärzte anfangs eine Erklärung dafür fanden.

dpa BERLIN. Christine Lichtenberg hat drei Mal ihren Job verloren, weil sie am Arbeitsplatz immer wieder einschlief. Gerhard Steiner klappte bei Müdigkeit plötzlich zusammen, ohne dass Ärzte anfangs eine Erklärung dafür fanden.

Heute wissen beide, dass sie an ihren häufigen Schlafattacken keine Schuld tragen. Sie leiden unter Narkolepsie, einer seltenen neurologischen Erkrankung, die noch nicht heilbar ist.

„Schlafkrankheit“ oder „Schlummersucht“ heißt die Narkolepsie im Volksmund. Nach Schätzungen der Deutschen Narkolepsie-Gesellschaft (DNG) leiden rund 40 000 Menschen in Deutschland unter dieser Erkrankung. Viele haben bis zur Diagnose einen Leidensweg hinter sich. Sie verloren ihre Arbeit oder zogen sich aus dem Familien- und Freundeskreis zurück. Denn ein Narkolepsie-Patient werde leicht als Schlafmütze, Faulpelz oder Simulant abgetan, teilte die DNG am Mittwoch in Berlin mit.

Patient Gerhard Steiner hat sich an die Rippenstöße seiner Frau gewöhnt, die ihn aus ungewollten Schlafpausen wecken. Früher nickte er beim Vorlesen am Bett seiner Kinder schneller ein als die Kleinen, auch heute fallen ihm manchmal mitten im Gespräch die Augen zu. „Mit Dir kann man nirgendwo hingehen“, nörgelte seine Familie anfangs. „Papi, wach auf“, sangen seine Kinder spöttisch.

Narkolepsie-Patienten werden jahrelang oft mehrfach am Tag von Schlafattacken überwältigt, ohne etwas dagegen tun zu können. Viele verlieren bei der plötzlichen Müdigkeit auch die Muskelspannung im Gesicht oder in den Beinen. Folgen dieser so genannten Kataplexien sind zuckende Mienen und heftige Stürze. „Häufig werden diese Phänomene durch große Gefühlsregungen wie Lachen, Ärger oder Überraschen hervorgerufen“, erläutert Geert Mayer, Neurologe an der Phillips-Universität in Marburg. Lange seien die Symptome mit Epilepsie verwechselt worden. Narkolepsie könne sogar eine plötzliche Bewegungsunfähigkeit oder Halluzinationen auslösen.

Als Christine Lichtenberg noch nichts von ihrer Krankheit wusste, hat ihr das Mobbing von Kollegen zu schaffen gemacht. „Ich bin irgendwann zum Schlafen auf die Toilette gegangen“, sagt sie. „Irgendwann hingen aber auch dort Zettel“, erinnert sie sich. „Achtung: Nicht den Feierabend verschlafen“, stand manchmal darauf. Mit 40 galt sie als berufsunfähig. Erst die richtige Diagnose ordnete ihr Leben. „Jetzt kann ich mich wehren. Vorher war ich hilflos“, sagte sie. Heute arbeitet sie als DNG-Vorsitzende.

Als Ursache für Narkolepsie wird heute ein erblicher Gendefekt vermutet. Bei Schlafsucht-Patienten findet sich im Gehirn weniger Hypocretin, ein Hormon, das den Schlaf-Wachrhythmus mit steuert. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Immundefekt die Zellen zerstört, die das Hormon produzieren. Narkolepsie kann schon bei Kindern auftreten, am häufigsten beginnt die Krankheit aber in der Pubertät - und kann sich unbehandelt Jahr für Jahr verschlimmern. Als Medikamente helfe Anti-Depressiva und Wachmacher - aber auch ein individuell austariertes, bewussten Schlafen am Tag.

Seit Gerhard Steiner um sein Leiden weiß, kann er besser damit leben. Um beim Fernsehen nicht dauernd einzunicken, bügelt er heute beispielsweise dabei - Konzentration beugt Schlafattacken vor. Vor einer Autofahrt schläft er ausgiebig und fährt nie länger als 20 Minuten am Stück. Die Familie und die Freunde wissen nun um die Krankheit. „Ich war unglaublich erleichtert, als ich erfuhr, dass meine Müdigkeit nicht meine Schuld ist“, sagt er.

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