Schneller als Licht
Wellen ohne Tempolimit

Albert Einstein gilt in der Physik als unangreifbar: Seine Relativitästheorie gilt als bewiesen und unumstößlich. Eine seiner Aussagen war dabei, dass sich nichts schneller als das Licht bewegen kann. Der Kölner Professor Günter Nimtz ist der Auffassung, das Gegenteil bewiesen zu haben – und kratzt damit für viele Kollegen etwas zu sehr am Denkmal Einsteins.

DÜSSELDORF. Wolfgang Amadeus Mozart liebte in seinen Kompositionen flotte Tempi, doch niemals hätte sich der geniale Komponist träumen lassen, dass eine seiner Kompositionen einmal sogar schneller als das Licht sein würde. Doch genau das geschah 1995 in einem Labor an der Universität Köln. Günter Nimtz hatte Mozarts 40. Sinfonie in g-Moll huckepack auf Mikrowellen durch ein kurzes Rohr geschickt. An dessen Ende kam es früher an, als die Gesetze der Physik eigentlich erlauben: 4,7-fache Lichtgeschwindigkeit maß der Physiker.

Ob sich Mozart angesichts seiner überlichtschnellen Verbreitung im Grabe drehte, wissen wir nicht. Viele Physiker glauben allerdings, dass ihr großes Idol – Albert Einstein – ganz heftig in seiner letzten Ruhestätte rotiert hätte, wenn seine Asche nicht nach seinem Ableben an einem unbekannten Ort verstreut worden wäre. Denn der Jahrhundertphysiker hat in seiner speziellen Relativitätstheorie kategorisch ausgeschlossen, dass sich etwas schneller bewegen kann als das Licht im leeren Raum (exakt 299 792 458 Meter pro Sekunde). Nimtz bekam von seinen Kollegen denn auch eine volle Breitseite ab: „Er hat nicht verstanden, was er getan hat“, urteilte Detlef Dürr, Professor für Quantenmechanik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Nach zwei Jahren heftiger Fachdiskussionen und großen Medieninteresses war der Pulverdampf verzogen, und zehn Jahre lang krähte kein Hahn mehr nach dem umstrittenen Experiment. Bis vor ein paar Wochen. Da heizte der inzwischen emeritierte Professor Nimtz das Interesse insbesondere der englischsprachigen Medien mit einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu einem weiteren Experiment erneut an. Größte Provokation für seine Zunft dürfte aber das Exponat gewesen sein, das Nimtz voriges Jahr für eine Sonderausstellung im Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim aufbaute. Dort konnten sogar Kinder überlichtschnelle Signale erzeugen und beobachten. Auch diesmal fiel die Kritik wenig freundlich aus: Kollege Aephraim Steinberg von der Universität Toronto warf Nimtz im britischen Wissenschaftsmagazin New Scientist eine Fehlinterpretation seiner Versuche vor.

Im Prinzip geht es um die Frage, wann man in einem Experiment zur Messung der Geschwindigkeit die Stoppuhr drückt. Ist der Hundertmeterläufer im Ziel, wenn die Nasenspitze die Ziellinie erreicht, oder erst, wenn die Brust die Linie überquert? Bei Nimtz’ Experiment mit der Mozartsinfonie haben die paketförmigen Signale aus Mikrowellen eine bestimmte Ausdehnung.

Beim unvermeidlichen Schwund der Signale, so Steinbergs Deutung, bröckelten die Pakete hinten ab, wodurch sich der Schwerpunkt nach vorne verschiebe. Um im Bild zu bleiben: Macht der Läufer vor dem Ziel einen Satz nach vorn und zieht die Beine an, scheint es so, als würde sein Körperschwerpunkt die Ziellinie eher überqueren. „Einstein kann in Frieden ruhen“, sagt Steinberg, „es ist eben alles nur eine Frage der Interpretation.“

Doch Nimtz widerspricht. Zwar werde das Signal schwächer, aber seine Breite und damit die Lage des Schwerpunkts ändere sich nicht – der Sprinter rennt tatsächlich schneller. Folglich bleibe auch die Information erhalten, schließlich sei am Ende der Hochgeschwindigkeitsstrecke Mozarts Musik eindeutig erkennbar gewesen. Damit sei der Zeitpunkt der Messung keine Frage der Interpretation. Allerdings zweifelt auch Nimtz nicht am Fundament der Relativitätstheorie: „Die Kausalität von Ursache und Wirkung bleibt erhalten, Zeitreisen sind nicht möglich.“

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