Schneller schlau
Warum mögen Feuerländer keine Biber?

Ein vermeintlich gutes Geschäft - Schneller schlau entführt Sie in die Welt des Wissenswerten.
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Es klang nach einem guten Geschäft: 1946 importierte die argentinische Regierung 50 Biber aus Kanada in die Region Feuerland. An der windumtosten Südspitze des amerikanischen Kontinents, so die Hoffnung, würden sich die Nagetiere rasch vermehren und ein ähnlich dichtes Fell entwickeln wie in Nordamerika. In der Folge sollte sich die chronisch wirtschaftsschwache Region zum Zentrum einer florierenden argentinischen Pelzindustrie entwickeln.

Doch zum Leidwesen der Verantwortlichen war es den Bibern auch ohne dichtes Fell warm genug in Feuerland. Da die Qualität der Pelze nicht annähernd das marktübliche Maß erreichte, musste der ehrgeizige Plan bald wieder aufgegeben werden. Die Biber entließ man schließlich in die Freiheit – ein fataler Fehler, wie sich nach einigen Jahren herausstellen sollte. Denn wenn die Biber auch die in sie gesetzten Erwartungen in Hinsicht auf die Pelzqualität nicht erfüllen konnten, in Sachen Vermehrung taten sie genau das, was von ihnen erwartet worden war. Und so wurden sie zu einer wahren Plage.

Heute leben etwa 200.000 Biber in Feuerland. Anders als in Nordamerika, wo Wölfe und Bären den Bestand regulieren, gibt es auf der zwischen Chile und Argentinien geteilten Inselgruppe keine natürlichen Feinde für die Nager. So können sie sich in aller Ruhe über die Baumbestände der Region hermachen. Große Gebiete entlang der Flüsse, wo die Biber ihre Burgen und Dämme bauen, sind mittlerweile entwaldet. Eine Katastrophe für eine Region, in der es Bäume klimabedingt ohnehin schwer haben.

Nach Einschätzung von Wissenschaftlern stellen die durch Biber verursachten Veränderungen den größten Eingriff in die Landschaft der Region Feuerland innerhalb der letzten 10.000 Jahre dar. Mittlerweile haben die Tiere auch die Magellanstraße überquert, die Feuerland vom südamerikanischen Festland trennt. Der Biber droht damit zu einem Problem für ganz Patagonien zu werden.

Alle Versuche, der Biberplage Herr zu werden, scheiterten. Wobei die örtlichen Naturschutzbehörden bislang weitsichtig genug waren, um von radikalen Maßnahmen wie etwa der großflächigen Ausbringung von Gift - worunter nicht nur der Biber leiden würde - Abstand zu nehmen. Auch der Abschuss durch Jäger vom Helikopter aus – eine heftig umstrittene Methode, mit der etwa auf den Galapagos-Inseln gegen verwilderte Hausziegen vorgegangen wurde – ist für die Feuerländer noch keine Option.

Immerhin eine positive Seite hat die Plage dann doch: Wer heute im Nationalpark Feuerland unterwegs ist, stößt irgendwann mit Sicherheit auf eine Kolonie der unerwünschten, aber ziemlich niedlichen Nager. Und so sind geführte Touren zu den Bibern mittlerweile fester Bestandteil des örtlichen Touristen-Programms. Für einen kleinen Teil der Feuerländer ist der Biber damit doch noch zum guten Geschäft geworden.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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