Schneller schlau
Was beschreibt der „Flynn-Effekt“?

Eine erstaunliche Entwicklung – Schneller schlau, die tägliche Portion Wissen.
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Es war ein Zufallsfund: Als der neuseeländische Politologe James R. Flynn sich in den 1980er-Jahren mit der Entwicklung des Intelligenzquotienten (IQ) beschäftigte, kam er einem auffälligen Phänomen auf die Spur. Seit 1890, so ergaben Flynns Untersuchungen, hat sich in den Industrieländern der durch Tests messbare IQ kontinuierlich erhöht – im Schnitt um drei Punkte pro Jahrzehnt.

Tatsächlich ist dieses nach seinem Entdecker „Flynn-Effekt“ benannte Phänomen inzwischen mehrfach quer durch alle Industrieländer bestätigt worden – am sichersten für den Zeitraum zwischen 1952 und 1982. Demnach stiegen die unstandardisierten Intelligenzwerte über mehrere Generationen kontinuierlich an.

Ein heutiger Durchschnittsmensch löst also bei einem Intelligenztest in der gleichen Zeit weitaus mehr Aufgaben als ein Durchschnittsmensch vor 30 Jahren. Oder anders ausgedrückt: Wer vor 100 Jahren zu den besten zehn Prozent gehört hatte, würde jetzt, bei den gleichen Testaufgaben, zu den dümmsten fünf Prozent gezählt.

Werden die Menschen wirklich immer schlauer? Und waren unsere Ahnen wirklich so viel dümmer als wir? Wohl kaum.

Eine genetische Ursache für den Flynn-Effekt scheidet von vornherein aus – dazu erstrecken sich die beobachteten Veränderungen über einen viel zu kurzen Zeitraum. Die Ursachen sind wohl eher im Messverfahren und in der immer noch fehlenden Definition der Intelligenz zu suchen. „Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst“, so ein unter Intelligenzforschern verbreitetes Bonmot – und so versuchen standardisierte Testverfahren, die intellektuelle Leistungsfähigkeit einer Person zu erfassen und auf eine Vergleichsgruppe zu beziehen.

Dabei wird ein durchschnittlicher IQ auf 100 festgesetzt, wobei die Werte nach oben wie nach unten nach einer Glockenkurve gleichmäßig streuen: 68 Prozent der Vergleichsgruppe liegen zwischen den IQ-Werten 85 und 115, zwei bis drei Prozent gelten mit einem IQ über 130 als hochbegabt, während es genauso viele Minderbegabte mit einem IQ unter 70 gibt.

Doch die Tests, die aufgrund des Flynn-Effekts immer schwieriger gestaltet werden müssen, messen letztendlich nicht Intelligenz – was immer das auch sein mag –, sondern bestimmte Fertigkeiten, die sich mehr oder weniger trainieren lassen. Beliebt sind dabei Testaufgaben, die auf das schnelle Erkennen von Mustern abzielen, und bei diesen Bilderrätseln macht sich der Flynn-Effekt besonders stark bemerkbar.

So vermuten Psychologen, dass die zunehmende Bilderflut unserer Zeit zu einer Steigerung der Testergebnisse geführt haben könnte. Wird dagegen erlerntes Schulwissen abgefragt, dann schneiden heutige Testkandidaten nicht besser ab – eher im Gegenteil.

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