Schneller schlau
Wem gehört das Gauß-Gehirn?

Posse um genialen Mathematiker - Schneller schlau entführt Sie in die Welt des Wissenswerten.
  • 1

Vor mehr als 150 Jahren wurde das Gehirn von Carl Friedrich Gauß für die Nachwelt präpariert. Doch was danach unter dem Namen "Gauss" in der Sammlung der Göttinger Universitätsmedizin lagerte, hübsch eingelegt in einem Glas voll Alkohol, war nicht das Denkorgan des berühmten Mathematikers. Schon wenige Jahre nach Gauß‘ Ableben landete es nämlich irgendwie im falschen Topf, wie Renate Schweizer vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie jetzt ermittelte.

„Was Forscher bisher als Gauß-Gehirn untersucht hatten, war gar nicht sein Gehirn - es gehörte dem Mediziner Fuchs“, so Schweizer. Der Mathematiker und Arzt Conrad Heinrich Fuchs starb im gleichen Jahr wie Gauss, auch sein Gehirn sollte der Nachwelt für wissenschaftliche Untersuchungen erhalten bleiben. Blieb es auch – allerdings im falschen Glas: Die Denkorgane der beiden Wissenschaftler ruhten im jeweils anderen der per Namensschild kenntlich gemachten Behälter.

Der Forscherin war aufgefallen, dass dem vermeintlichen Gauß-Gehirn eine sichtbare Zweiteilung der sogenannten Zentralfurche fehlt, die von einem Göttinger Anatom 1860 und 1862 bildlich dokumentiert worden war. Stattdessen passten die Strukturen zu einer Abbildung von Fuchs' Gehirn.

Wahrscheinlich wurden die Gehirne schon kurz nach der Untersuchung von 1862 vertauscht, als sie nochmals vermessen wurden. Weitere vergleichende Arbeiten zu den Gehirnen von Gauß und Fuchs gab es nicht. Und so fiel die Verwechslung später niemandem auf.

Wissenschaftler haben das echte Gauß-Gehirn mittlerweile mit modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Ergebnis: Die Analysen des falschen Gauß-Gehirns haben wohl nicht zu fehlerhaften wissenschaftlichen Veröffentlichungen geführt. Das Gehirn des genialen Mathematikers und Astronomen sei ebenso wie das des Mediziners Fuchs anatomisch weitgehend unauffällig, hieß es. Beide ähnelten sich zudem in Größe und Gewicht.

Nach der aktuellen Untersuchung haben die historischen Denkorgane nun wieder ihre wohlverdiente Ruhe in der Universitätssammlung gefunden – diesmal im jeweils richtig beschrifteten Glas.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Schneller schlau: Wem gehört das Gauß-Gehirn?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Im Gehirn nach Determinanten der menschlichen Intelligenz zu suchen, ist so, als ob man durch Graben in der Erde versuchen würde das göttliche zu finden.

    Die größten geistigen Leistungen sind nur dann möglich, wenn der Mensch in Freiheit lebt - wobei jeder Mensch "Freiheit" auf seine eigene Art empfindet - und dem nachgeht was er am liebsten macht.
    Dann müssen noch Ehrgeiz, Fleiß, Perfektionismus, starker Charakter und eine gewisse Intelligenz zusammen kommen, zu der -letzteren - im Prinzip etwa 50% der lebenden menschlichen Gehirne in der Lage sind.

    Sämtliche dieser Eigenschaften lassen sich am Gehirn nicht identifizieren.

    Letztendlich sind die soziale Umgebung und die Eltern die wichtigsten Determinanten von Genialität eines Neugeborenen.

    Wenn ein Kind mißhandelt und/oder verstoßen wird, können seine Hirnwindungen noch so verzweigt sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%