Schneller schlau
Wer wurde auf der Leichensynode verurteilt?

Leiche auf der Anklagebank - Schneller schlau entführt Sie in die Welt des Wissenswerten.

Im Rom des ausgehenden 9. Jahrhunderts war es keine gute Idee, sich die Herren von Spoleto zu Feinden zu machen. Herzog Guido von Spoleto war 889 zum König von Italien gekrönt worden, zwei Jahre später hatte er sich gar die Kaiserkrone aufgesetzt. Als kurz danach Bischof Formosus von Porto zum Papst gewählt wurde, blieb dem neuen Kirchenfürsten zunächst kaum eine andere Wahl, als sich den Wünschen des Herrschers zu beugen: Auch vom neuen Papst wurde Guido in seiner Kaiserwürde bestätigt, sein Sohn Lambert zum Mitregenten erhoben.

Insgeheim suchte Formosus jedoch nach Verbündeten gegen die ehrgeizigen Spoletaner – und wurde fündig im ostfränkischen König Arnulf von Kärnten. Der ließ sich bereitwillig zum neuen Kaiser krönen, nachdem er zunächst Guido besiegt und schließlich auch Lambert aus Rom vertrieben hatte. Die Macht der Herren von Spoleto schien gebrochen zu sein. Wenige Wochen nach der Krönung Arnulfs starb der hochbetagte Papst.

Doch der Tod sollte Formosus nicht vor der Rache seiner Feinde bewahren. Nachdem Arnulf aus Rom abgezogen war, brauchten die Spoletaner nicht lange, um ihre alte Machtbasis wiederherzustellen. Und der neue Papst Stephan VI. beeilte sich, dem zurückgekehrten Herrscher Lambert seine Ergebenheit zu beweisen – mit einer ebenso kuriosen wie makabren Inszenierung.

Der Leichnam von Formosus wurde aus dem Grab geholt und in vollem Papstornat auf einen Thron gesetzt. Der folgende Schauprozess gipfelte in der Post-Mortem-Amtsenthebung von Formosus, seine Amtshandlungen – darunter die Absetzung Lamberts als Kaiser – wurden für nichtig erklärt. Im Anschluss an die schaurige Veranstaltung landete der entkleidete und verstümmelte Leichnam des Formosus im Tiber – seit der Antike der Ort, an dem die Leichen von Staatsverrätern entsorgt wurden.

Die Leichensynode, wie das makabre Schauspiel heute genannt wird, war selbst für die an öffentlich zur Schau gestellte Grausamkeiten gewöhnten Zeitgenossen des abgesetzten Papstes ein Schock. Als kurz danach die Lateran-Basilika, der Ort des Prozesses, einstürzte, sahen die Römer darin ein Zeichen Gottes. Sie revoltierten und warfen Papst Stephan in den Kerker, wo er später ermordet wurde. Der geschändete Leichnam seines Vorgängers fand schließlich doch noch eine würdevolle Ruhestätte in der Peterskirche: 898 wurde Formosus offiziell von der Kirche rehabilitiert.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik
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