Schrille Töne gegen Jugendliche
Hört die Signale!

In der Schweiz pfeift ein Kasten, den der Hersteller treffend „Mosquito“ nennt, inzwischen aus allen Löchern. Er dient dazu, Jugendliche von Örtlichkeiten fern zu halten, an denen sie unerwünscht sind. Jetzt kommen erste Zweifel an dem Einsatz des Gerätes auf.

ZÜRICH. Pfeift es? Durchdringend grell und sehr unangenehm? Kann sein. Der Ton kommt offenbar aus einem unscheinbaren grauen Kasten. Er ist so eingestellt, dass nur Kinder und Jugendliche, die noch ein gutes Ohr haben, ihn wahrnehmen können. Wer älter ist als 25 Jahre, hört nichts. In der Schweiz pfeift dieser Kasten, den der Hersteller treffend „Mosquito“ nennt, inzwischen aus allen Löchern. Er dient dazu, Teenager fern zu halten. So wie Kühe einen Elektrozaun vor die Nase bekommen, der sie vom Ausbüxen abhält, werden Teenager eben weggepfiffen.

Die Geschäftsinhaber in Zürich, wo sich an der vornehmen Bahnhofstrasse eine Luxusuhrenboutique an die andere reiht, sind sehr angetan. Auch am ehrwürdigen Hauptbahnhof, wo es sich gut, aber verboten skaten lässt, pfeift es. Und vor dem Kantonsgericht fürs Baselbiet – so nennen die Schweizer die Umgebung der Grenzstadt am Rhein – piept es ebenfalls im Hochfrequenzbereich. „Wir hatten hier eine Sauerei“, sagt Gerichtspräsident Peter Meier und meint Hinterlassenschaften wie Blechdosen und Pizzaverpackungen. Jetzt sind sie weg – „einfach und kostengünstig“, betont Meier.

Seit dem gestrigen Dienstag allerdings sorgt „Mosquito“ für Ärger. Die sozialdemokratische Abgeordnete Susanne Leutenegger Oberholzer, die eidgenössische Ausgabe der Ursula von der Leyen, hat eine Anfrage an die Regierung in Bern geschickt. Ob die „Mosquitos“ dem Umweltschutz genügen, will sie wissen, ob sie den Vorschriften des Gesundheitsschutzes entsprechen und, schließlich, ob das hohe Haus nicht auch der Meinung ist, dass es diskriminierend sei, die Jüngeren auf diese Art ins Aus zu pfeifen. Kein Wunder, dass die Schweizerinnen rein statistisch auf gerade mal 1,43 Kinder kommen. Damit stehen sie im europäischen, ja sogar im weltweiten Vergleich ganz hinten.

Der Hersteller, der sich Swiss-Mosquito nennt und derzeit etwa sechs neue Anfragen am Tag bearbeitet, kann diese ganze Aufregung nicht verstehen. Sein intern „MSQ2“ genanntes Gerät, das es neuerdings auch mit „vandalensicherem Schutzgehäuse“ gibt, verursache keine Schmerzen und sei billiger als der Einsatz von Sicherheitskräften. Die meisten Jugendlichen verließen rasch den unmittelbaren Wirkungsbereich des Mosquitos, „während die Mehrzahl der Leute über 25 wegen altersbedingtem Gehörverlust den hohen Ton überhaupt nicht wahrnimmt“.

Im Verlauf der letzten Jahre, so heißt es von Swiss-Mosquito, „ist antisoziales Verhalten zu einer der größten Bedrohungen in unserer Gesellschaft geworden“. Dass das Unternehmen Mosquitos zum G8-Gipfel nach Heiligendamm liefern könnte, ist übrigens eine reine Erfindung.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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