Segelsport
Giganten erliegen dem Größenwahn

Der America’s Cup erlebt eine Materialschlacht von unbekanntem Ausmaß. Atemberaubende Yachten sollen im Februar um den Titel rasen. Schiffe, die noch vor zwei Jahren zu dem Wettbewerb antraten, wirken dagegen wie jämmerliche Jollen aus grauer Vorzeit.
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BERLIN. Der America’s Cup ist längst ein Fall für den Psychiater. Seit der Gründung im Jahr 1851 leidet die Segelregatta an zunehmendem Realitätsverlust und Größenwahn. Schwerreiche Geldgeber mit gewaltigen Egos liefern sich inzwischen nicht nur auf hoher See erbitterte Duelle. Seit zwei Jahren kämpfen der Cup-Verteidiger Alinghi aus der Schweiz und das US-Team BMW Oracle vor einem New Yorker Gericht. 30 Mio. Euro soll der Streit die beiden Kontrahenten, den Biotech-Milliardär Ernesto Bertarelli von Alinghi und den Software-Tycoon Larry Ellison, bereits gekostet haben.

Der jüngste Streich sind zwei Mega-Yachten, deren Masten bis zu 57 Meter in die Höhe reichen und die mit bis zu 80 Stundenkilometer über die Wellen fliegen. Die US-Yacht BOR 90, ein 30 Meter langer und 27 Meter breiter Trimaran, wartet gar mit einem neuartigen Flügelsegel auf. Es besteht aus breitflächigen Klappelementen, die über motorbetriebene Winschen bewegt werden, und funktioniert wie eine Flugzeugtragfläche. Zwei- bis dreimal effizienter als ein herkömmliches Tuchsegel soll es sein.

Derartige Flügel kennt die Segelwelt im Prinzip seit den 30er-Jahren. Heute werden sie vor allem auf Sport-Katamaranen der Klassen A und C eingesetzt. Ein Riesensegel, wie es die BOR 90 bestückt, wurde aber noch nie gebaut. Es ist länger als ein Flügel eines Airbus A380 und besteht größtenteils aus extrem teuren High-Tech-Materialien wie Karbon und Kevlar. Diese sind sehr leicht und bleiben selbst unter gewaltigen Krafteinwirkungen stabil.

Der Cup gilt – wie die Formel 1 in der Autobranche – als Labor für Technikneuerungen, die auch den Weg in die alltägliche Segelwelt finden sollen. In diesem Fall steht allerdings der Preis dem Masseneinsatz im Weg: Ein Kilogramm des Super-Karbons, das die Cup-Teams benutzen, kostet rund 1200 Dollar.

Vorstoß in neue Dimensionen

Auch der Riesen-Katamaran Alinghi 5, eine Yacht auf zwei Rümpfen, stößt technisch in neue Dimensionen vor. Er ist etwa 35 Meter lang und 25 Meter breit. Der 50 Meter hohe Mast hält im Gegensatz zum US-Trimaran ein herkömmliches Rigg mit einer Segelfläche von rund 1000 Quadratmetern. Wie bei der Yacht des Gegners besteht der Rumpf der Alinghi 5 aus High-Tech-Karbon. Und dabei zählt jedes Detail.

„Bevor wir uns für eine Rumpfform entscheiden, modellieren wir mit Hilfe von Computerdaten verschiedene Modelle“, sagt Thomas Hahn, der als Ingenieur im Strukturteam von BMW Oracle arbeitet. Die Daten geben Aufschluss über die Verteilung der Kräfte, die während der Fahrt am Rumpf ziehen. Auch das fertige Modell wird ständig überarbeitet. Möglichst leicht und trotzdem steif und stabil soll das Boot sein. „Erst so erreichen wir die perfekte Geschwindigkeit“, sagt Hahn.

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  • GER 75 hat nicht Unrecht. Aber letztlich ist die Welt hart und Wettbewerb bringt - wie auch hier - technische und sportliche Grenzverschiebungen zu Höchstleistungen, die vermutlich eine ganze Segelsportgeneration prägen werden.

  • Ellison und bertarelli haben mit ihrer Egozentrik die Faszination für den Segelsport stark beschädigt. Selbst wenn der Cup im kommenden Jahr ausgetragen werden sollte, hinterlassen sie einen Scherbenhaufen. Kaum ein anderes Team wird sich angesichts drohender Prozessrisiken und astronomischer Kosten für wettbewerbsfähige boote als Herausforderer anbieten. Warum bMW bei diesem Wahnsinn weiter mitmacht ist angesichts des imageschadens schon gar nicht nachvollziehbar.

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