Siemens will Grundlagenforschung der Gesellschaft für Schwerionen marktfähig machen
Schwerionen zerstören Tumore schonend

Die Medizintechniksparte des Siemens-Konzerns will einer neuartigen Bestrahlungstherapie bei Tumorerkrankungen zum Durchbruch verhelfen. Dafür hat er sich die Lizenz zur Vermarktung eines von der Darmstädter Gesellschaft für Schwerionen (GSI) entwickelten Teilchenbeschleunigers gesichert. In den kommenden Jahren will der Konzern bis zu 100 Mill. Euro investieren, um die Anlage in Kleinserie zu bringen.

DARMSTADT. Die GSI, eine von Bund und Land finanzierte Forschungseinrichtung, betreibt im Darmstädter Umland zu Forschungszwecken eine riesige Teilchenbeschleuniger-Anlage, die von Wissenschaftlern aller Disziplinen genutzt werden kann. Die aus einem 120 m langem Rohr und einem daran angeschlossenem Ringbeschleuniger bestehende Anlage kann geladene Elementarteilchen mittels starker Magnetfelder auf 90 % der Lichtgeschwindigkeit bringen. Für die medizinische Behandlung ist nach Angaben eines Sprechers jedoch „nur“ eine Geschwindigkeit von etwa 40 % der Lichtgeschwindigkeit notwendig.

Der wesentliche Vorteil der Therapie, die nach positiven Forschungsergebnissen bereits für einige Tumorarten von den Krankenkassen bezahlt wird, liegt in der Treffsicherheit der Schwerionen. „Im Gegensatz zu den bislang in der Bestrahlung eingesetzten Photonen geben sie die meiste Energie nicht beim Eintreten in die Haut ab, sondern an einem zuvor am Rechner genau lokalisierten Punkt“, erklärt Jürgen Debus, Leiter der Radiologischen Universitätsklinik Heidelberg. Hier soll die im Bau befindliche Schwerionen-Anlage 2006 in Betrieb gehen.

Die Behandlung, deren Kosten derzeit mit etwa 20 000 Euro pro Patient beziffert werden, findet an 20 aufeinander folgenden Tagen statt. Anders als bei der herkömmlichen Bestrahlungstherapie sind die Nebenwirkungen so gering, dass die 20-minütigen Sitzungen ambulant erfolgen können. Ein Teilnehmer der klinischen Studie habe für die Dauer der Behandlung auf einem nahe gelegenen Campingplatz gezeltet und sei täglich mit dem Fahrrad zur Behandlung gekommen, sagt ein GSI-Mitarbeiter.

Die ersten Behandlungserfolge waren GSI zufolge beachtlich: Bei allen 170 behandelten Patienten konnten die Tumore zerstört werden, ohne dass in dem bestrahlten Gebiet neue Auswüchse auftraten.

Um die Tumore, für die die neue Behandlungsmethode bereits ihre Wirksamkeit unter Beweis stellte, bundesweit behandeln zu können, sind nach Einschätzung des Siemens-Bereichsvorstands Hermann Requardt etwa 5 bis 10 Anlagen notwendig. In den kommenden Monaten wolle Siemens Medical Solutions den von GSI entwickelten Prototyp standardisieren und potenziellen Betreibern schlüsselfertig anbieten. Bis zum Jahr 2010 würden bundesweit mindestens fünf Anlagen errichtet, erwartet Requardt. Zusammen genommen mit der Heidelberger Anlage wäre dann eine Flächendeckung nahezu erreicht.

Völlig konkurrenzlos ist der neue Behandlungsansatz indes nicht. Als deutlicher Fortschritt gegenüber der herkömmlichen Bestrahlung gilt auch die Bestrahlung mit Protonen, mit denen bis heute weltweit rund 30 000 Patienten erfolgreich behandelt wurden. Und auch diese Therapieform, soll nach dem Willen des Münchener Arztes Hans Rinecker bald eine breitere Anwendung in Deutschland finden.

Rineckers Firma, die in Haar bei München ansässige Pro Health AG, sammelt private Mittel im Wert von 150 Mill. Euro ein, um das erste europäische Protonentherapiezentrum in München zu errichten. Die im Bau befindliche Anlage mit angeschlossenem Boarding-House soll Anfang 2005 in Betrieb genommen werden. Ein weiteres Therapiezentrum ist in Köln geplant. Möglicherweise wird Pro Health die Patienten jedoch unter den Selbstzahlern rekrutieren müssen. Bislang haben die Krankenkassen die Erstattung der nach Unternehmensangaben rund 16 000 Euro teuren Therapie noch nicht zugesagt.

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