Solarchemie
Chemiker nutzen die Kraft der Sonne

Solarchemie könnte eine günstige Alternative für Prozesse sein, die bisher viel Energie verbrauchen. Doch das Potential der Technologie blieb lange ungenutzt. Nur langsam entdeckt die Chemiebranche die Kraft der Sonne. Das könnte sich jetzt ändern.
  • 0

DÜSSELDORF. Wenige Chemiker dürften einen so sonnigen Arbeitsplatz haben wie Michael Oelgemöller. Seine Versuche finden nicht im schattigen Labor bei Neonlicht statt, sondern unter der prallen Sonne Australiens, auf dem Dach der James Cook University in Townsville.

Nach der Energiewirtschaft könnte bald auch die Chemie die Kraft der Sonne für ihre Zwecke erschließen. Bisher halten Chemiker ihre Reagenzgläser eher über den Bunsenbrenner als in die Sonne. Die Industrie interessierte sich lange Zeit wenig für die Möglichkeiten der Fotochemie, also lichtgetriebene Reaktionen. „Sie wird in der Zukunft mehr Bedeutung haben“, sagt Jochen Mattay von der Universität Bielefeld. Sobald fossile Rohstoffe und Energiequellen für die chemische Industrie deutlich teurer werden, kann die Sonne als kostenlose Energiequelle punkten.

Neue Spezialchemikalien, vielleicht Arzneien oder Lacke, könnten dann mittels Tageslicht produziert werden. „Wenn das einmal anerkannt ist, könnte man auch Massenchemikalien wie Caprolactam auf diese Weise herstellen“, sagt Mattay. Er weist auf Untersuchungen hin, die belegen, dass die Chemie auch bei bewölktem Himmel in Gang kommt. Auch der führende Schweizer Solartechniker Aldo Steinfeld von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist optimistisch. Im Juli verkündete er, dass man lediglich einen chemischen Reaktor in ein Solarturm-Kraftwerk einbauen müsse, um die Sonne für chemische Reaktionen zu nutzen.

Doch vor den industriellen Anwendungen kommt zunächst die intensive Forschung. Einer der führenden Solarchemiker ist Mattays ehemaliger Mitarbeiter Michael Oelgemöller, der Deutschland 1999 verließ und heute in Australien eine Gastprofessur innehat. „Drei große Trends prägen derzeit die Solarchemie“, sagt Oelgemöller. Das mit Abstand prominenteste Feld ist die solare Herstellung von Wasserstoff aus Wasser. Wer das schafft, hat die Energiefrage ein für allemal gelöst, weil Wasserstoff ein ausgezeichneter Treibstoff ist. Doch von diesem Traum ist man noch immer weit entfernt. Die erforderlichen Katalysatoren zersetzen sich zu rasch. Deutlich weniger Forscher widmen sich dagegen den anderen beiden Bereichen: der Produktion von Chemikalien mit Hilfe der Sonne und der solaren Zerlegung von Schadstoffen.

In Oelgemöllers Sonnenlabor auf dem Institutsdach hilft das Tageslicht beispielsweise dabei, eine Substanz namens Juglon aufzubauen, die in Walnussschalen vorkommt. Sie sorgt dafür, dass unter Wallnussbäumen nichts mehr wächst. „Das ist ein natürliches Unkrautbekämpfungsmittel“, sagt Oelgemöller. Aber auch als Baustein für Antibiotika und Krebsarzneien, für Aromastoffe und Parfums könnte der watteähnliche, orange Stoff taugen.

Seite 1:

Chemiker nutzen die Kraft der Sonne

Seite 2:

Kommentare zu " Solarchemie: Chemiker nutzen die Kraft der Sonne"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%