Sozial-und Geisteswissenschaften
„Wer sonst erklärt, was El Kaida will?“

Falko Daim mag "Braveheart" und den "Gladiator" nicht. "Solche Hollywood-Produkte werden für viele Konsumenten zu einer Wirklichkeit, die mühsam von der Wissenschaft rekonstruierte historische Realitäten ersetzt", meint der Archäologe. Das schade dem Image seines Faches.

HB DÜSSELDORF. In der Kommerzialisierung, und darunter zählt er auch "spektakuläre Präsentationen ohne Inhalt wie die meisten ,Gold aus xy?-Ausstellungen", sieht er eine Gefahr für die Archäologie: Die Gefahr, als "gehobene Unterhaltung", nicht als seriöse Wissenschaft wahrgenommen zu werden.

Der Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, eines Forschungsinstituts für Vor- und Frühgeschichte, vertritt ein klassisches Orchideenfach. Wie Archäologen haben auch Orientalisten, Ethnologen, Altphilologen und Religionsgeschichtler in den vergangenen Jahren viel kostbare Forschungszeit damit verbracht, die Existenz ihres Faches zu rechtfertigen. Beim Umbau der Hochschulen zu Exzellenz-Zentren kämpfen sie gegen Stellenabbau und ums Überleben - nicht immer mit Erfolg. So ist in Hamburg der Abbau geisteswissenschaftlicher Fächer bereits beschlossene Sache.

Im Winter 2005 ist eine Trendwende zu erkennen. Der Rechtfertigungsdruck hat abgenommen, heißt es übereinstimmend bei Institutionen und Stiftungen auf die Frage nach dem Stand der Disziplinen, die gegenüber Wirtschaftswissenschaften und Naturwissenschaften seit langem mit dem Image leben müssen, sie seien nicht präzise und von zweifelhaftem Nutzwert.

"Der 11. September 2001 war eine Zäsur. Plötzlich kam die Erkenntnis, dass wir nichts wissen über religiösen Fanatismus und die islamische Welt." Angelika Willms-Herget koordiniert im Bundesbildungs- und Forschungsministerium den Themenkomplex Wissenschaft und Gesellschaft. Sie erinnert sich an den Run auf Experten, der nach den Todesflügen der El-Kaida-Piloten einsetzte: "Die Königsdisziplin Soziologe war schon immer für die Politikberatung gefragt, Geisteswissenschaftler aber mussten auf einmal keine Eigenwerbung mehr betreiben, sondern wurden zu gesuchten Gesprächspartnern." Die Gesellschaft habe nach dem kollektiven Schock nach Erklärungen gesucht.

Die konnten auch Archäologen liefern. "Der Flächenbrand im Nahen Osten ist ohne die Hilfe der Geisteswissenschaften nicht einzudämmen", sagt Daim. Die genaue Kenntnis der historischen Entwicklung sei der Schlüssel zum Verständnis der politischen Gegenwart. Als Beispiel nennt er den ethnischen und religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten im Irak: "Man muss zum Ende der Wurzel zurückgehen, um zu begreifen." Auf Spurensuche arbeitet sein Forschungsinstitut mit dem Nationalmuseum in Bagdad zusammen.

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