Sozialforschung
Die Wettbewerbs-Gesellschaft

Sozialforscher analysieren schon lange den Strukturwandel in Deutschland - nicht erst seit Entdeckung der "Unterschichten" durch die Politik. Mit ihren Ergebnissen dringen die Wissenschaftler weit ins Zentrum der deutschen Gesellschaft ein - und kommen zu mitunter spannenden Erkentnissen.

DÜSSELDORF. Die Diagnose der Soziologen ist eindeutig: "Statt stabiler sozialer Klassen mit relativ klar geschnittenen Klasseninteressen gibt es eine Fülle potenziell wechselnder Markt- und Sozialstaatslagen mit hochgradig situativen Konkurrenzinteressen." Die deutsche Gesellschaft ist gespalten und "gruppiert sich entlang ökonomischer Kalküle immer wieder neu", erläutern Stephan Lessenich, Professor für Vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse am Institut für Soziologie an der Universität Jena, und Frank Nullmeier, Politikwissenschaftler am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Die beiden Sozialforscher haben ihre Arbeit gut getimt: Zeitgleich zum Ausbruch der politischen Debatte über "Unterschichten", mittlerweile spöttisch als "Entdeckung von Vorhandenem" bezeichnet, ist ihr Buch "Deutschland - eine gespaltene Gesellschaft" erschienen. Darin wird der aktuelle Stand der empirischen Sozialforschung zum Thema Strukturwandel pointiert anhand von Gegensatzpaaren präsentiert: Arm-Reich, Beschäftigt-Arbeitslos, Alt-Jung, Ost-West, Eltern-Kinderlose und auch, Zeitgeist-einfangend, das Paar Sicher-Prekär.

Hinter diesem aus dem Französischen übernommenen Wort, das plötzlich die öffentliche Diskussion bestimmt, verbirgt sich ein Phänomen, das in Zahlen zu messen ist: Die unbefristete abhängige Vollzeitbeschäftigung geht in allen Wirtschaftsbereichen zurück.

Die Bundesagentur für Arbeit hat errechnet, dass zwischen 1991 und 2005 die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 13 Prozent zurückging, nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank von 2005 ist zwischen 1991 und 2004 die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um rund 20 Prozent zurückgegangen. "Soziologische Studien weisen darauf hin, dass die Erwerbsarbeit offensichtlich für immer mehr Menschen ein immer weniger tragfähiges soziales und materielles Fundament ist, auf das sie ihre soziale Existenz bauen können", erläutert Berthold Vogel vom Hamburger Institut für Sozialforschung.

Jüngere betrachteten das Arrangement mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen noch als Sprungbrett oder kreatives Freiheitsgefühl, ergänzt der Jenaer Arbeitssoziologe Klaus Dörre,"doch alle über 50 fallen durchs Raster".

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