Soziologie der Finanzkrise
Die Buddenbrooks – das sind wir

Die wachsenden Vermögen in Deutschland verringern das unternehmerische Potenzial der Gesellschaft, glaubt der Soziologe Christoph Deutschmann. Für ihn ist Deutschland unter einen kollektiven Buddenbrooks-Effekt geraten: Der Niedergang beginnt.

DÜSSELDORF. "Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können." Der Sohn hält sich streng an diese Maxime des legendären Firmengründers Johann Buddenbrook senior. Auch der Enkel. Doch Urenkel Thomas Buddenbrook riskiert erstmals ein Spekulationsgeschäft: Er kauft im Voraus eine noch unreife Getreide-Ernte zum halben Preis von einem Landadligen, der in Geldnot geraten ist. Als die Familie am 7. Juli 1868 den hundertsten Gründungstag des Handelshauses Buddenbrook feiert, erfährt Thomas, dass ein Hagelgewitter die Ernte vernichtet hat. Der Niedergang beginnt.

Thomas Manns großer Roman "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" ist heute aktueller als je zuvor, glaubt der Soziologe Christoph Deutschmann vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Wir Deutsche des frühen 21. Jahrhunderts sind ein bisschen wie die späten Buddenbrooks. Deutschmann spricht mit Blick auf die strukturellen soziologischen Hintergründe der aktuellen Finanzmarktkrise von einem "kollektiven Buddenbrooks-Effekt": Der Aufstieg vieler Menschen zu Ansehen und Wohlstand erhöht das Krisenpotenzial von Finanzmarktblasen und vermindert das unternehmerische Potenzial der Gesellschaft.

Der Kern des Problems, das Deutschmann in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften, vor allem in Deutschland, diagnostiziert, ist eine Folge der bisherigen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik mit ihrer "strukturellen Aufwärtsmobilität": Eine wachsende Zahl von Besitzenden hat rund 4,5 Billionen Euro Privatvermögen angehäuft (Bundesbankangaben für 2006). Weder ein Krieg noch eine andere Katastrophe haben seit 60 Jahren Reichtum in großem Umfang vernichtet.

Das Sozio-oekonomische Panel, eine repräsentative Wiederholungsbefragung von über 12 000 deutschen Privathaushalten, belegt, dass der Anteil höherer Einkommensklassen im Intergenerationenvergleich deutlich gestiegen ist. Von den befragten Söhnen gehörten zum Beispiel im Jahr 2000 etwa 22 Prozent zur Gruppe der "höheren Dienstleister", unter ihren Vätern waren es nur zehn Prozent. Der Anteil der Facharbeiter aber verringerte sich von 31 Prozent bei den Vätern auf 19 Prozent bei den Söhnen.

Die Erfolgsgeschichte des Aufstiegs weiter Bevölkerungsgruppen und ihre meist an Investmentfonds delegierte Suche nach Anlagemöglichkeiten hat für die Gesellschaft und die Finanzmärkte Folgen. "Diejenigen, die sich nicht länger um jeden Preis nach oben arbeiten müssen, werden zahlreicher, und mit dem wachsenden Reichtum dieser Gutsituierten wächst das Volumen des anlagesuchenden Vermögens", schreibt Deutschmann. So wächst auch - nicht nur bei Investmentbanken - der Hang zur Spekulation, der das unternehmerische Denken verdrängt. "? bey Nacht ruhig schlafen können" gilt nicht mehr, Unternehmertugenden predigt man den anderen.

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