Soziologie
Der Glaube ans Geld

Die Verwandtschaft zwischen Kapitalismus und Religion haben Soziologen und Philosophen schon lange erkannt. Sie offenbart sich bereits in der Sprache: Bei beiden geht es um den Glauben ("Kredit"), um Schuld und um (Wert-)Schöpfung. Der Soziologe Christoph Deutschmann geht aber noch sehr viel weiter: Der Kapitalismus ist selbst eine Religion, behauptet er.

DÜSSELDORF. Die Wall Street in den späten 60er- Jahren. Vor dem Eingang zur New Yorker Börse herrscht Aufruhr. Börsianer in Anzügen prügeln auf Hippies ein. Einer der Langhaarigen, Jerry Rubin, beschreibt in seinem Buch "Do it! Scenario für die Revolution" (1971), was passiert war: Sie hatten vor den Augen der Finanzakteure Geldscheine verbrannt - ihre eigenen wohlgemerkt. Darüber ereiferten sich die adretten Börsianer so sehr, dass sie den Hippies an den Kragen gingen.

Die Hippies hatten offensichtlich in den Augen der Börsianer ein Sakrileg begangen. Die Szene belegt, dass Geld Gefühle auslösen kann, die mit religiösen vergleichbar sind. Geld verbrennt man nicht, so wie man keine Bibel verbrennt.

Die Verwandtschaft zwischen Kapitalismus und Religion haben Soziologen und Philosophen schon lange erkannt. Sie offenbart sich bereits in der Sprache. Der Ökonom Robert Nelson von der Universität Maryland sieht seinen eigenen Berufsstand entsprechend als "Priesterschaft der Religion des Fortschritts".

Christoph Deutschmann, Soziologieprofessor in Tübingen, geht aber noch sehr viel weiter: Der Kapitalismus ist selbst eine Religion, behauptet er in seinem jüngsten Vortrag am Kölner Max-Planck für Gesellschaftsforschung. -Institut Als Gastwissenschaftler entwirft er dort eine "Soziologie kapitalistischer Dynamik".

Bisherige religionssoziologische Deutungen, die wie Max Weber (1864-1920) eine Wirkung der Religion von außen auf die Wirtschaft annehmen ("Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" 1905), treten zu kurz, so Deutschmann. Das Wachstumswunder des 19. und 20. Jahrhunderts sei jedenfalls nicht nur ökonomisch zu erklären, so seine These. Das zum Kapital gewordene Geld verlange nach einer gesellschaftlichen Erklärung, denn die entscheidenden Einflüsse der Institutionen, der politischen Steuerung, der Kultur (zum Beispiel Konsumvorlieben) lassen sich nicht allein ökonomisch fassen. "Der Beitrag der Soziologie ist gefragt", verkündet er.

Deutschmann ist nun kein Theologe und seine Geld-Religion hat mit Gott nichts zu tun. Sein Religionsbegriff ist ein soziologischer, also an der gesellschaftlichen Funktion ausgerichtet: Nach der Definition Émile Durkheims (1858-1917) ist das Wesen der Religion ihre Funktion zur Stiftung von kollektiver Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Wie der Einzelne zur individuellen Selbstvergewisserung die Perspektive der anderen auf sich einnimmt, so schafft sich die Gesellschaft zu diesem Zweck einen Gott als transzendenten Außenstehenden, der auf "sein Volk" blickt. Die Religion hat nach dieser profanen Erklärung vor allem den Sinn einer Selbstvergewisserung der Gesellschaft, also ihr eine Basis zu geben, damit sie als solche überhaupt bestehen kann.

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