Spezial: Erneuerbare Energie
Schilf im Tank

Die Natur hält alles bereit, was die Menschheit braucht, um ihren Energiebedarf klimaneutral zu decken. Aber die Umstellung auf erneuerbare Energien braucht Zeit - und ist teuer.
  • 0

Als Albrecht v. Hagen erstmals ins polnische Langen/Legi, 100 Kilometer östlich von Stettin, kam, fand er eine Ruine vor. Das einst prächtige Gutshaus seines Großvaters war völlig heruntergekommen. Rundherum sah es nicht besser aus. "Das war ein richtiger Urwald", erinnert sich Hagen an jenen Besuch in Pommern im Sommer 1999.

Heute strahlt das Haus in neuem Glanz. Das nötige Geld spendierte Hagen, obwohl das Gebäude der Stadt Polzin gehört. Auch der zugehörige Park ist wieder in vorzeigbarem Zustand, auch wenn er inzwischen völlig anders aussieht als vor 70 Jahren. Während damals Rhododendron und andere blühende Büsche das Bild prägten, dominiert jetzt Miscanthus giganteus, besser bekannt als Chinaschilf.

1999 pflanzte Hagen die ersten wurmähnlichen Rhizome ein, aus denen sich die Pflanze entwickelt. "Das ist so ähnlich wie bei der Kartoffel", sagt der einstige Starfighter-Pilot und Allianz-Agent. Der 73-Jährige ist so agil wie eh und je - und macht sich Gedanken über die Energien von morgen. Miscanthus, das ist seine feste Überzeugung, wird in wenigen Jahren eine tragende Rolle bei der Versorgung Europas mit Strom, Wärme und Treibstoffen spielen. Und Tausende Polen reich machen.

Miscanthus gehört in der Tat zu den Mitteln, die die Welt hat, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Stroh gehört ebenso dazu wie jeglicher Bioabfall, Sonnenlicht und Sonnenwärme, Wind oder Geothermie, also der Teil der gewaltigen Wärme, die die Erde in ihrem Innersten bereithält. "Selbst Deutschland könnte sich mittelfristig ohne Kohlendioxidemissionen mit Energie versorgen", weiß Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Einzige Bedingung: "Man muss bereit sein, viel Geld dafür zu zahlen."

Da ist Hagen anderer Ansicht. Treibstoff aus seinem geliebten Chinaschilf, da ist der Senior ganz sicher, wird schon in wenigen Jahren konkurrenzfähig sein, weil die Kosten für fossile Energien weiter ansteigen. Die Polen hatten ihn vor sieben Jahren mit offenen Armen empfangen. Und das nicht nur wegen seines Großvaters, der zum Kreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg zählte und wegen seiner Beteiligung am Hitler-Attentat im August 1944 hingerichtet wurde. Der Enkel verstand es auch, seine Vision zu vermitteln: Der landwirtschaftlich geprägte Norden Polens soll nach den Vorstellungen Hagens zu einem grünen Öldorado werden. Auf Hunderttausenden Hektar sollen die Landwirte Miscanthus anbauen, um daraus synthetischen Kraftstoff zu gewinnen. "Der Ertrag liegt bei 6000 Liter pro Hektar und Jahr", sagt Hagen. Eine fast viermal so große Fläche wäre nötig, um die gleiche Menge Biodiesel aus Rapssaaten herzustellen.

Insgesamt 200 Anlagen, in denen der gehäckselte Miscanthus in synthetischen Treibstoff umgewandelt wird, sind fürs Erste in Polen geplant. Die erste soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Entwickelt hat die Technik MME Technology im westfälischen Bünde. Eckhard Siekmann, technischer Leiter bei MME, verspricht Produktionskosten von 30 Cent pro Liter. Der synthetische Diesel - SynFuel oder SunFuel genannt - hat gegenüber Treibstoffen aus Erdöl gravierende Vorteile: Bei der Verbrennung entsteht kaum Ruß. Zudem ist der Energieinhalt deutlich größer. In Bünde läuft bereits eine Pilotanlage, die stündlich bis zu 1000 Liter SynFuel aus Stroh erzeugt. Anders als Biodiesel lässt sich dieser Treibstoff ohne jede Umrüstung in allen Dieselfahrzeugen verbrennen. Shell mischt SynFuel - in diesem Fall allerdings aus Erdgas hergestellt - bereits seinem Kraftstoff V-Power Diesel zu.

Seite 1:

Schilf im Tank

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Spezial: Erneuerbare Energie: Schilf im Tank"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%