Spitzbergen-Tagebuch
Reise ans Ende der Zivilisation

Für die einen ist Spitzbergen nur eine Inselgruppe im Nordatlantik, für andere ist es das größte Labor der Welt. Handelsblatt-Redakteur Ferdinand Knauß berichtet aktuell über seine Reise durch ein Land, in dem Wissenschaft noch vor dem Tourismus die wichtigste Branche ist. Im dritten Teil seines Spitzbergen-Tagebuchs verschlägt es ihn ans nördliche Ende der Zivilisation.
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NY-ÅLESUND. Die nördlichste Linienflugverbindung der Welt: Mit einer kleinen Propellermaschine für vierzehn Passagiere überflogen wir heute morgen die "spitzen Berge", nach denen der niederländische Entdecker Willem Barents 1596 die Insel benannte. Wir landeten in der Forschungssiedlung Ny-Ålesund, etwa am 79 Breitengrad. Weiter nördlich geht's fuer normale Menschen nicht, zum Pol sind es gerade mal 1231 Kilometer, nach Oslo dagegen 2420.

Die wenigen Nord-Rekorde, die Spitzbergens Metropole Longyearbyen nicht schafft, hält Ny-Ålesund: das nördlichste Postamt (dessen Poststempel bei Philatelisten extrem beliebt sein soll), das nördlichste Hotel („Nordpol-Hotellet“), in dem wir untergebracht sind, und die nördlichste Sporthalle, in der auch der Computer steht, an dem diese Zeilen verfasst wurden.

Der Ort war wie Longyearbyen zunächst eine Siedlung für den Kohlebergbau. Nach einem Unfall 1963, der zum Rücktritt der Regierung in Oslo führte, wurde der Bergbau aufgegeben. In den Häusern der Arbeiter sind jetzt zahlreiche Forschungsstationen untergebracht, darunter die gemeinsame des deutschen Alfred-Wegener-Instituts und der französischen Polarforschungsorganisation IPEV (Institut polaire français Paul Emile Victor). Etwa 35 Menschen leben hier ständig, im Sommer sind oft über Hundert Forscher zu Gast.

Seit einigen Jahren kommen, wie die Ny-Ålesunder berichten, häufig auch Kreuzfahrtschiffe hierher, so dass sich das winzige Örtchen für einige Stunden mit mehreren tausend Touristen füllt. Einige Forscher hier fordern bereits die Sperrung des Kongfjordes für den Tourismus.

Der Leiter der deutschen Station, Marcus Schumacher, empfängt uns gemeinsam mit zwei deutschen Meeresbiologinnen, die in den kommenden vier Wochen auf den Meeresgrund des Fjordes abtauchen werden, um dort Schwämme einzusammeln. Im Kantinengebäude der Siedlung, wo auch die staatliche Betreibergesellschaft "Kings Bay" sitzt, führt uns eine französische Biologengruppe ihre Unterwasseraufnahmen vor, die sie mit einer ferngesteuerten Kamera gemacht haben.

Der Meeresboden um Spitzbergen herum ist reicher an Pflanzen und Tieren als das Land. Die See-Anemonen sind fast dieselben wie die in warmen Gewässern, erklärt ein Forscher. Es ist schwer begreifbar, dass dieses eiskalte Wasser, in dem auch jetzt im Sommer unzählige Eisschollen treiben, solch reichhaltiges Leben enthält. Wir werden morgen, wenn das Wetter mitspielt, mit dem Boot der Biologen auf den Fjord fahren.

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