Spitzbergen-Tagebuch
Studieren mit Schießeisen

Für die einen ist Spitzbergen nur eine Inselgruppe im Nordatlantik, für andere ist es das größte Labor der Welt. Handelsblatt-Redakteur Ferdinand Knauß berichtet aktuell über seine Reise durch ein Land, in dem Wissenschaft noch vor dem Tourismus die wichtigste Branche ist. Im zweiten Teil seines Spitzbergen-Tagebuchs erklärt er unter anderem, warum beim Studium auf Spitzbergen Waffen zum Alltag gehören.
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LONGYEARBYEN. Die Weltrekorde im Nördlich-sein, hält Spitzbergens Hauptort Longyearbyen in unzähligen Disziplinen (zum Beispiel im Marathon-Lauf): Seit 1993 beheimatet es auch die nördlichste Universität der Welt. Genau genommen ist es allerdings keine Voll-Uni, sondern nennt sich „Universitätssenter“ (UNIS). 50 Festangestellte und 400 Studenten aus 26 Ländern stellen mittlerweile 15 Prozent der Bevölkerung von Longyearbyen. Was bis vor einigen Jahren eine fast ausschließlich von Grubenarbeiten bewohnte Siedlung war, wird zunehmend zu einer von Wissenschaft und Polar-Tourismus geprägten Gemeinde. Nur noch eine von sieben Kohlegruben ist in Betrieb.

Der Kohlebergbau ist ein Auslaufmodell in der Arktis, der Forschung gehört die Zukunft. Natürlich studiert hier oben niemand Literaturwissenschaft oder Historische Soziologie. Die Studenten kommen aus norwegischen und anderen Universitäten, um Feldstudien in arktischer Biologie, Geologie, Technologie und Geophysik zu betreiben. Fast alles hat dabei in irgendeiner Weise einen Bezug zum Klimawandel. „Wir erstellen keine Klimamodelle, aber wir liefern Grundlagen und Daten. Zum Beispiel ist die Geologie der Inselgruppe sehr wichtig für die Klimageschichte der vergangenen 700 Millionen Jahre, in denen Spitzbergen von der Höhe des Mittelmeeres bis hierher wanderte“, erklärt Kristin Kristoffersen von der Uni-Leitung.

Die Spur dieser subtropischen Erdgeschichte sind auch die bis vor wenigen Jahren hoch attraktiven Kohlevorräte, die nichts anderes sind als die Reste urzeitlicher Wälder. In Spitzbergen finden Geologen die Spuren von jedem Abschnitt dieser langen Reise. Im Norden der Hauptinsel gibt es, wie Kristoffersen berichtet eine Gegend, die der Marsoberfläche geologisch ähnelt, weswegen die Nasa dort öfter mit ihren Robotern Versuche macht.

Für den Besucher des nagelneuen, 2005 errichteten Hauptgebäudes des „Universitätssenter“ ist ein außergewöhnliches Accessoire der Studenten und Forscher besonders auffällig. Ganz selbstverständlich kommt uns hier eine Studentin mit einem Gewehr umgehängt entgegen. Trotz der Amokläufe der vergangenen Jahre scheint hier niemand deswegen bedenken zu haben. In der Ausrüstungskammer hängen mehrere Dutzend der Schiesseisen wie selbstverständlich in Ständern an der Wand. Besonders erstaunlich ist, dass es sich um Nachbauten des Mauser-Karabiners K98 handelt, mit dem die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ausgerüstet war.

Jeder Student und Dozent der Unis muss auch lernen, mit diesen Waffen zu schießen – wie jeder andere Bewohner Spitzbergens, der sich von der Siedlung entfernen will. Der Grund dafür ist derselbe, der auch so viele Touristen nach Spitzbergen lockt: Eisbären!

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