Spurensuche
Mittagsrast mit Mr. Darwin

Vor 200 Jahren wurde jener Mann geboren, der mit seiner Theorie der Evolution eine geistige Revolution auslöste. In Itaocaia nahe Rio de Janeiro, machte er Station auf seiner großen Reise um die Welt, die den Grundstein zur Entwicklung der Evolutionstheorie legen sollte. Wir sind mal hingefahren: Spurensuche am Rande des Regenwalds.

ITAOCAIA. Auf dem Churrasco-Grill brutzeln Linguica-Würste und Rindfleisch. In der Küche werden Sandwiches belegt. Es ist der letzte Tag im Januar 2009, und Dom Manoel hat Geburtstag. Die Gäste werden erst abends kommen. Der nun 69-Jährige trägt Arbeitsklamotten. Draußen auf der mit Löchern und Pfützen übersäten, unasphaltierten Straße reitet ein sehniger Mann mit breitem Hut auf einem dürren Schimmel im Gauchotrab vorbei, mit durchgestrecktem Rücken, die Zügel nur in einer Hand.

Am 8. April 1832 versuchte sich jener junge Engländer, der heute vor 200 Jahren im englischen Shrewsbury geboren wurde, hier in Itaocaia (damals Ithacaia) zusammen mit ein paar anderen Herren ebenfalls zu Pferde in dieser Gangart. Es war der erste Tag der Expedition, die der 23-jährige Charles Darwin zu den tropischen Wäldern, Stränden und Fazendas östlich von Rio de Janeiro unternahm. Zwar wird noch immer gerne Darwins Aufenthalt auf den Galápagos-Inseln als sein entscheidendes Erlebnis auf dem Wege zur Evolutionstheorie präsentiert. Doch seine Exkursionen hier in Brasilien waren - so sehen es Evolutionsbiologen und Wissenschaftshistoriker heute - mindestens genauso wichtig.

40 Grad im Schatten, Mittag. Das Geburtstagskind Dom Manoel, eigentlich Manoel Nunes dos Santos, gibt dem Schweißer letzte Anweisungen für den Stahlzaun, der die Darwin-Gedenktafel am Eingang der Fazenda Itaocaia einfassen soll. Rosen will er dort pflanzen, eine ganze Fuhre von Setzlingen, die langsam mal wieder etwas Wasser gebrauchen könnten, wartet schon unter dem Dach des nach allen Seiten offenen riesigen Nebengebäudes, wo gerade die Würste gegrillt werden. Die meisten dornigen Pflänzchen sind allerdings nicht für Darwin, sondern für den Eingangsbereich von einer der zwei Kirchen, die der tiefreligiöse Dom Manoel auf seinem Grundstück renoviert und neu baut.

An jenem Apriltag 1832 waren Darwin und seine Begleiter früh morgens von Praia Grande, das heute zu Rios Satellitenstadt Niteroi gehört, aufgebrochen. In sein Tagebuch notierte er, der Tag sei ebenfalls „gewaltig heiß" gewesen. Nachdem die Gruppe einige Weiden und Felder durchquert hatte, „kamen wir in einen Wald, in dem die Pracht all seiner Teile unübertrefflich war". Gemeint ist wahrscheinlich ein Ausläufer der Serra Tiririca, die sich nahe der Fazenda, die heute Dom Manoel gehört, im satten Grün des Atlantischen Regenwaldes erhebt.

In Darwins Tagebuch und seinem Buch über die Reise mit der „Beagle“, die den Naturforscher in Rio abgesetzt hatte, finden sich viele derart begeisterte Beschreibungen. Der Anblick der Vielfalt der tropischen Fauna und Flora, der winzigen Unterschiede zwischen Arten, die in benachbarten Gegenden vorkamen, waren für ihn entscheidend für die Entwicklung seiner Abstammungslehre. Dem Jahre später ebenfalls Brasilien bereisenden Alfred Russel Wallace erging es ähnlich. Und beide entwickelten unabhängig von einander eine fast identische Evolutionstheorie.

Ithacaia ist der erste Ort, den Darwin in seinem Tagebuch beschreibt: auf einer Ebene ein herrschaftliches Haus in der Mitte, und rundherum die Hütten der Sklaven. Er berichtet auch von der entlaufenen alten Sklavin, die sich kurz zuvor, nachdem alle ihre Mitstreiter bereits wieder eingefangen waren, von einem der für die Gegend typischen steilen Felsen in den Tod gestürzt hatte. „Hätte eine römische Matrone dies getan, so würde man es als hohe Freiheitsliebe gepriesen haben. So war es nur die brutale Widerspenstigkeit einer armen Negerin", schreibt Darwin. Er war schon aus Familientradition Gegner der Sklaverei gewesen. Was er in Brasilien erlebte, festigte seine Ansichten zu einer vehementen Überzeugung.

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