Stammzellforschung
Bis zur Schmerzgrenze

In Großbritannnien dürfen Gentechniker künftig Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren herstellen. Damit hat sich die Wissenschaft gegen alle Bedenken durchgesetzt. Doch die Erfolgsaussichten der Forschung sind umstritten.

LONDON. Britische Wissenschaftler haben gestern eine historische Entscheidung des Unterhauses für eine weiter gehende Stammzellforschung begrüßt. Nach heftiger Debatte hatte das Parlament am Vorabend mit klarer Mehrheit Anträge abgelehnt, Zellfusionen aus tierischem und menschlichem Erbmaterial zu verbieten. Damit wird die Herstellung sogenannter „cytoplasmischer Hybride“ für Forschungszwecke im neuen Embryonengesetz gesetzlich geregelt.

„Dieses Gesetz wird Großbritannien zu einem Führer in der Stammzellforschung machen“, sagte Professor Stephen Minger, Leiter des Stammzell-Labors am King’s College London. Der Wellcome Trust, einer der größten Geldgeber für Medizinforschung in Großbritannien, warnte Abgeordnete vor der Abstimmung davor, „der Forschung Wege zu verschließen, die vielleicht zu Verbesserungen im Leben von Millionen Menschen führen“.

Hybride oder „Chimären“ entstehen in der Petrischale, indem aus tierischen Eiern die Erbinformationen entfernt und durch menschliche ersetzt werden. Diese können aus Hautzellen von Menschen gewonnen werden, die an genetischen Krankheiten wie Parkinson leiden. Durch Zellteilung werden dann Stammzellen gewonnen, an denen sich die Entwicklung der Krankheit erforschen lässt.

„Diese Technik gibt uns Werkzeuge, Krankheitsprozesse besser zu verstehen“, sagte der Leiter des Instituts für Humangenetik der Uni Newcastle, John Burn. Sein Institut stellte im April zum ersten Mal in Großbritannien solche Hybrid-Embryos her. Großbritannien erlaubte 2001 nach kontroversen Debatten bereits das „therapeutische Klonen“. Auf Grundlage dieses Gesetzes und mit einer Sondergenehmigung der Aufsichtsbehörde HFEA (Human Fertility and Embryology Authority) wurden die Experimente in Newcastle lizenziert. Wissenschaftler in China und den USA forschen bereits mit Hybridzellen. Die Herstellung embryonaler Stammzellen ist seit langem umstritten, wird von Wissenschaftlern aber wegen des Mangels an weiblichen Eizellen und der spezifischen Möglichkeiten der Manipulation immer wieder gefordert. Britische Wissenschaftler hatten Sorge, durch ein Verbot ihren Forschungsvorsprung zu verlieren. Die Verwendung der geklonten Embryos ist streng geregelt. Auch Hybride dürfen nur bis zum Blastozytenstadium von etwa zwei Wochen benutzt werden. Einpflanzungen in die Gebärmutter sind verboten.

Trotzdem warnten Kritiker, Großbritannien überschreite mit der Legalisierung solcher „Frankenstein-Experimente“ einen „ethischen Rubikon“. Kein anderes westliches Land beschreitet diesen Weg. Wir machen uns zum wissenschaftlichen Schurkenstaat“, warnte der konservative Abgeordnete Edward Leigh. Premierminister Gordon Brown bezeichnete dagegen die Forschungen als „moralisches Bemühen“, Millionen von Menschenleben zu verbessern. Oppositionsführer David Cameron sprach nach der Abstimmung von seinem behinderten Sohn Ivan: „Ich sehe, wie er leidet. Wenn wir etwas tun können, um ihm und anderen Kindern zu helfen: Müssen wir es nicht versuchen?“

Gesundheitsministerin Dawn Primarolo sagte, es gebe kein Versprechen, nur die Hoffnung, dass die Forschungen zu Therapien führten. Aber der Labour-Politiker Ian Gibson wies Zweifel an der Machbarkeit von Stammzell-Therapien zurück: „Wir wollen sicher sein, dass wir die Forschung vorantreiben können.“

Die Abstimmung war ein klarer Sieg für die britische Wissenschaftslobby. Ein erster Gesetzentwurf sah ein Verbot der Hybrid-Experimente vor. Doch heftige Proteste praktisch aller Wissenschaftsgremien, Forschungsinstitute und -verbände zwangen die Regierung zum Umdenken. Nun entschied das Parlament im Konflikt zwischen den ethischen Bedenkenträgern und der Wissenschaftslobby für die Freiheit der Forschung.

Schon 2002 stellte das Oberhaus mit einem grundlegenden Bericht zur Stammzellforschung die Weichen für die britische Gesetzeshaltung. Dabei sprach sie sich für den „gradualistischen“ Schutz von Embryonen im frühen Stadium aus. Nach geltenden juristischen und sozialen Auffassungen sei es nicht begründbar, alle Forschung an frühen Embryonen zu verbieten. Als Grenze wurden das Blastozytstadium von 14 Tagen nach Befruchtung angesetzt. Dies ist nun als gesellschaftlicher Konsens allgemein akzeptiert. Die Regierung überarbeitet derzeit das zuletzt 2001 novellierte Gesetz über Embryo- und Fruchtbarkeitsforschung. Abgeordnete lehnten auch ein Verbot der genetischen Auswahl von „Helfer-Geschwistern“ ab. Dabei werden nachgeborene Geschwister auf ihre genetische Tauglichkeit überprüft, Zellen oder Gen-Material für die Heilung genetisch kranker Geschwister zu liefern. Kritiker fürchten, dass diese Kinder nur als „Gewebelieferanten“ missbraucht werden.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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