Starburst-Galaxie NGC 4666
Kosmische Windmaschine

Einem kosmischen „Superwind“ sind Astronomen mit einem Teleskop des La Silla-Observatoriums in Chile auf die Spur gekommen. Das mehrere zehntausend Lichtjahre große Phänomen ist Teil einer Galaxie, die auch in anderer Hinsicht Außergewöhnliches zu bieten hat.
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DÜSSELDORF. 80 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt ist eine Windmaschine von kaum vorstellbarer Kraft am Werk. Die Galaxie NGC 4666, die Wissenschaftler der Europäischen Südsternwarte ESO mit dem 2,2m-Teleskop am La Silla-Observatorium in Chile ins Visier genommen haben, schickt einen sogenannten „Superwind“ ins All hinaus, der über zehntausende Lichtjahre hinweg messbar ist. Ursache des gigantischen Gasstroms ist die große Zahl an Sternengeburten in der Galaxie.

NGC 4666 gehört zu den sogenannten Starburst-Galaxien. Solchen Sterneninseln zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen in kurzer Zeit besonders viele neue Sonnen entstehen. Zu derart hohen Sternentstehungsraten kommt es häufig, wenn benachbarte Galaxien sich gegenseitig beeinflussen. Unter dem Einfluss der Schwerkraft werden die galaktischen Gaswolken – das Ausgangsmaterial für neue Sterne – derart verdichtet, dass Teile der Wolken schließlich zu neuen Sternen kollabieren. Für den Starburst in NGC 4666 könnte unter anderem die Nachbargalaxie NGC 4668 verantwortlich sein, die links unten im Bild erkennbar ist.

Die hohe Zahl an Sterngeburten sorgt für turbulente Verhältnisse in NGC 4666. Starke Sternwinde, die von den jungen Sonnen ausgehen, sorgen ebenso für den Abstrom großer Gasmengen wie Supernova-Explosionen, mit denen Riesensterne ihr vergleichsweise kurzes Dasein beenden. Diese Faktoren begünstigen die Entstehung des Superwindes, für dessen Entdeckung die Astronomen allerdings auf ein anderes Beobachtungsinstrument zurückgreifen mussten.

Tatsächlich ist der Wind so heiß, dass er für optische Instrumente wie das La Silla-Teleskop praktisch unsichtbar bleibt. Stattdessen sendet der Superwind hauptsächlich Röntgen- und Radiostrahlung aus. Die Ehre der Entdeckung gebührt daher dem ESA-Satelliten XMM-Newton, der aus dem All die energiereiche Röntgenstrahlung aufspüren konnte.

NGC 4666 ist ein gutes Beispiel dafür, wie Astronomen an verschiedenen Teleskopen zusammenarbeiten, um gemeinsam das Universum zu erforschen. Die Aufnahmen im sichtbaren Licht ergänzen die Daten, die bei der Beobachtung mit dem Röntgenteleskop gesammelt werden konnten. Wie Puzzlestücke fügen die Astronomen Beobachtungen bei unterschiedlichen Wellenlängen dann zu einem Gesamtbild zusammen, um die physikalischen Prozesse zu untersuchen, mit denen ein astronomisches Objekt Strahlung erzeugt.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik

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