Steinzeitmusik
Ältestes Instrument der Welt entdeckt

Auf der Schwäbischen Alb erklang schon vor 35 000 Jahren Musik. Das belegt der Fund des ältesten bekannten Musikinstruments, eine Flöte aus Vogelknochen. Tübinger Forscher fanden es direkt neben der jüngst gefundenen ältesten Menschenfigur, der „Venus vom Hohlen Fels“.
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Eine fast vollständig erhaltene Flöte haben deutsche Ur- und Frühgeschichtler der Universität Tübingen entdeckt. Das Instrument ist wahrscheinlich mehr als 35 000 Jahre alt. Bisher gab es keine Belege für Musikinstrumente, die älter als 30 000 Jahre sind. Der Fund beweise, dass schon die ersten anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) in Europa eine hochentwickelte Musikkultur hatten, schreibt die Forschergruppe um den Archäologen Nicholas Conard in der Fachzeitschrift „Nature“.

Die Flöte aus dem Knochen eines Gänsegeiers sei im vergangenen September in der Höhle „Hohle Fels“ 20 Kilometer westlich von Ulm gefunden worden. In dieser Höhle bei Schelklingen hatten die Forscher fast zur selben Zeit die älteste bislang bekannte Menschenfigur der Welt gefunden, die sogenannte Venus vom Hohlen Fels. Sie stammt aus derselben urgeschichtlichen Epoche, dem Aurignacien, der Frühzeit des modernen Menschen in Europa.

Die knapp 22 Zentimeter lange Flöte mit einem Durchmesser von acht Millimetern gleicht äußerlich einem modernen Instrument. Mit fünf Luftlöchern kann die Tonhöhe verändert werden, so dass schon komplexe Melodien möglich waren. Auch die Bearbeitung des Anblas-Endes durch zwei V-förmige Kerben ist nahezu perfekt erhalten.

Außerdem fanden die Archäologen im Hohlen Fels und in der Vogelherdhöhle 25 Kilometer nordwestlich von Ulm Fragmente von drei weiteren aus Mammut-Elfenbein geschnitzten Flöten. Flöten aus Elfenbein sind sehr viel aufwendiger herzustellen als solche aus Geflügelknochen.

„Wir können daraus schließen, dass die Musik eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielte“, schreiben die Wissenschaftler. Die Forscher vermuten aufgrund des ähnlichen Alters und des fast identischen Fundorts, dass die Flöten und die „Venus“ sogar von denselben Menschen geschaffen und benutzt wurden. Die frühen modernen Menschen auf der Schwäbischen Alb waren offenbar sowohl schon Bild- als auch Tonkünstler.

Die Musik könnte vor 35 000 Jahren dazu beigetragen haben, dass sich größere soziale Netzwerke bildeten, vermuten die Forscher. Das wiederum sei womöglich der entscheidende Vorteil der modernen Menschen gegenüber den Neandertalern gewesen, die etwa vor 30 000 Jahren ausstarben. Wie dieses Verschwinden stattfand, ob sie von unseren Vorfahren bekämpft und ausgerottet wurden und ob sich Neandertaler und moderne Menschen gemeinsam fortpflanzten, ist eine der zentralen Fragen der Urgeschichte.

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