Sterile Insektentechnik
Angriff der Unfruchtbaren

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) eint ein ungewöhnliches Interesse: Sterile Insektentechnik, also unfruchtbar gemachte, genveränderte Insekten, die Schädlinge ausrotten sollen. Und sie eint auch der Wunsch, damit wenig Aufmerksamkeit zu erzielen. Kritiker warnen vor unabwägbaren Risiken.

DÜSSELDORF. „Wir haben nichts zu verbergen. Aber das ist ein sensibles Thema“, sagt Alan Robinson, Leiter der Abteilung Landwirtschaft und Biotechnologie bei der IAEA in Seibersdorf bei Wien. Er muss mit seinem Chef sprechen, bevor er ein Interview geben darf. Das zuständige Institut der WHO hüllt sich ganz in Schweigen. Auf der Homepage werden die transgenen Insekten mit keinem Wort erwähnt.

Was ist der Zweck der sterilen Insektentechnik (SIT)? Genetisch veränderte, sterile Insektenschädlinge und Krankheitsüberträger – genau genommen sind es nur die männlichen Tiere – sollen in Überzahl auf ihre fortpflanzungsfähigen Artgenossen losgelassen werden und diese verdrängen. Die ausgesetzten Insektenmännchen können zwar die Eier der Weibchen befruchten, aber der Nachwuchs stirbt noch im Larvenstadium. Wenn genug der sterilen Exemplare freigesetzt werden, lässt sich so lokal eine Population ausrotten.

Diese Bekämpfungsmethode ist an sich nicht neu, sondern wird bereits seit mehreren Jahren angewandt. Bisher wurden die Tiere jedoch noch mit Gammastrahlen aus radioaktivem Cäsium oder Cobalt sterilisiert. Die Strahlen beschädigen das Erbgut an mehreren Stellen, so dass die Nachkommen nicht mehr lebensfähig sind. Mit dieser Form der SIT wurde die amerikanische Schraubenwurmfliege, deren gefräßige Larven sich in Wunden von Säugetieren fressen, nahezu ausgerottet. Die Insel Sansibar entledigte sich nach dem gleichen Muster der Tsetsefliege. Bei der Mittelmeerfruchtfliege, die ihre Eier in Pfirsiche und Aprikosen legt, wird die Methode in großem Stil eingesetzt: Eine Zucht in Guatemala exportiert jede Woche Millionen sterile Tiere. Im spanischen Valencia wird derzeit eine Sterilisierungs-„Fabrik“ errichtet.

Doch bei Faltern und Mücken stößt die Gammastrahlung an Grenzen. „Man braucht sehr hohe Dosen“, sagt Robinson. Außerdem werde das Erbgut so stark angegriffen, dass die Insektenkastraten in freier Wildbahn nicht mehr erfolgreich um einen Geschlechtspartner buhlen können.

Die Gentechnik verspricht nun Abhilfe, sprich fitte Insektenmänner, die sich munter paaren, aber keinen lebensfähigen Nachwuchs zeugen. Dazu wird ein Genkonstrukt namens RIDL in das Erbgut eingeschleust, eine Art schlummernder Todesschalter für die Forscher: Mit Hilfe des Antibiotikums Tetrazyklin können sie ihn ausknipsen. Wird den Tieren im Labor Tetrazyklin ins Futter gemixt, vermehren sie sich. In freier Natur kommt indes kein Tetrazyklin vor: Der Todesschalter ist an, die Larven der gentechnisch veränderten Tiere sterben.

Das britische Start-up Oxitec erzeugt auf diese Weise unfruchtbare Mittelmeerfruchtfliegen, mexikanische Fruchtfliegen, Baumwollmotten, Baumwollkapselraupen und Mücken der Gattung Aedes aegypti. Die Insektenkastraten sollen künftig ihre für Landwirtschaft und menschliche Gesundheit schädlichen Artgenossen ausschalten.

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