Steuersünder: Wenn Fahnder zu Cowboys werden

Steuersünder
Wenn Fahnder zu Cowboys werden

Die Vorstellung mag manch einem schlaflose Nächte bereiten: Auf der Suche nach Beweisen für ein vermeintliches Steuervergehen durchwühlen Fahnder bei einer Razzia Büros und Wohnung. Doch sosehr die Durchsuchung von Wohn- und Geschäftsräumen die Sünder schreckt, so sehr wurde das Phänomen bisher von der Kriminologie vernachlässigt.
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DÜSSELDORF. So mancher Steuerhinterzieher fürchtet wohl, seit dem deutschen Fiskus brisante Kontendaten aus der Schweiz angeboten wurden, dass am frühen Morgen die Fahnder vor der Tür stehen – wie einst bei Topmanager Klaus Zumwinkel. Doch sosehr die Durchsuchung von Wohn- und Geschäftsräumen die Sünder schreckt, so sehr wurde das Phänomen bisher von der Kriminologie vernachlässigt. Dabei handelt es sich um eine der ältesten Ermittlungsformen des deutschen Strafrechts. Sie wird häufig angewandt und gilt vor allem in Wirtschaftsstrafsachen als Kernstück.

„Wir haben bislang wenig konkretes Wissen über die Durchführung von Zwangsmaßnahmen im Rahmen von Strafverfahren generell und noch weniger im Rahmen von spezifischen Delikten wie Steuerhinterziehung oder allgemeiner Wirtschaftskriminalität“, sagt Hans-Jörg Albrecht, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg und Leiter der dortigen kriminologischen Abteilung.

Die schwach entwickelte Forschung sei kaum zu erklären. Schließlich handele es sich um eine wichtige Materie. „Die Wirtschaftskriminalität ist kein Thema, das die Kriminologie besonders in Atem hält“, befindet auch Axel Dessecker, Professor am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Göttingen. Der letzte Forschungsboom in dieser Sache liege 30 Jahre zurück. Die Disziplin befasse sich nun mit Sicherungsverwahrung und Jugendkriminalität.

Dass mehr über die Praxis der Durchsuchung von Geschäfts- und Wohnräumen bekannt wird, dafür will nun das Max-Planck-Institut sorgen. Dort läuft ein Forschungsprojekt, bei dem anhand von Strafakten zunächst der Ablauf von Strafverfahren analysiert wird. Interviews mit Staatsanwälten, Ermittlungsrichtern, Polizeibeamten, Strafverteidigern und Ministerialbeamten sollen ergänzend eine Interpretation der Fälle erlauben.

Einer der wenigen, die sich schon mit der Durchsuchung und Beschlagnahme befasst haben, ist der Rechtsanwalt und ehemalige Richter am Oberlandesgericht Hamm Detlef Burhoff. Kürzlich erschien die Neuauflage seines „Handbuchs für das strafrechtliche Ermittlungsverfahren“. Darin findet sich auch eine Checkliste, wie sich Verdächtige bei Durchsuchungen verhalten sollten. „Der Betroffene muss wissen, was ihm vorgeworfen wird“, betont Burhoff. Erforderlich seien Angaben zu den betroffenen Steuerarten und zu den Veranlagungszeiträumen. Zudem müsse der von der Razzia Betroffene in den Stand versetzt werden, „etwaigen Ausuferungen“ entgegentreten zu können – zumindest im Nachhinein.

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